Presse: HA vom 31.01.2003

Geplant: Klasse statt Masse

Verhaltene Reaktionen der Hochschul-Präsidenten zum Gutachten der Kommission. Einhellig positive Bewertungen von der Politik.

Der Tag begann locker: mit einem Frühstück im Hotel "Vier Jahreszeiten". Hier stimmte Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (74, SPD) die Chefs der sechs staatlichen Hochschulen auf die Empfehlungen der Gutachterkommission ein. Doch den Bericht - 122 Seiten in DIN-A4-Format - verteilte Dohnanyi noch nicht, nur eine neunseitige Zusammenfassung - aus "protokollarischen Gründen", so Sabine Neumann (30), Sprecherin der Wissenschaftsbehörde.

Erst zwei Stunden später, um kurz nach elf Uhr, überreichte Dohnanyi als Vorsitzender der Kommission seinem Auftraggeber, Wissenschaftssenator Jörg Dräger (35, parteilos), das Werk über die Zukunft der Hochschulen. Bis dahin war der Bericht unter Verschluss geblieben.

Spannung bis zuletzt: Kein Detail war in den sechs Monaten Gutachterarbeit in die Öffentlichkeit gedrungen. Uni-Präsident Jürgen Lüthje (61) stand mit der Bemerkung nicht allein, er müsse den Bericht "erst genau studieren, bevor ich mich zu Einzelheiten und Konsequenzen äußere". Dennoch war schnell klar, dass es "neben den überwiegend positiven Empfehlungen auch durchaus schmerzliche Vorschläge" gebe, sagte Prof. Christian Nedeß (58), Präsident der Technischen Universität (TU) Harburg. Für die TU sei das zum Beispiel der Vorschlag, die Gewerblich Technischen Wissenschaften auszulagern. Nedeß: "Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, zumal damit weder Einsparpotenziale erzielt noch Doppelangebote eliminiert würden."

Hin- und hergerissen fühlt sich Dorothee Bittscheidt (59), die Chefin der kleinen Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP). Die Stärken der HWP - internationale Abschlüsse wie Bachelor und Master, Praxisbezug, Zugang ohne Abitur - sollen zum "Maßstab für ganz Hamburg gemacht werden", liest Bittscheidt aus den Empfehlungen, "aber wie das realisiert werden soll, bleibt unklar". Deshalb meint sie, "das Gutachten bedarf noch der Ergänzung".

"Eine Menge Fragen", hat Martin Köttering (38), Präsident der Hochschule für bildende Künste (HfbK). Er vermisst eine "konkrete Entwicklungsperspektive für die HfbK" und sieht nach einer ersten Durchsicht "wenig Anhaltspunkte, die mich in Enthusiasmus versetzen". Unter dem Dach der HfbK sollen auch die Angebote der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) wie Gestaltung, Design, Medien mit angeboten werden. Eine Kürzung der Studentenzahlen von 170 auf 90 im Jahr 2012 im "Aufgabenfeld Kunst", um Geld einzusparen, mache keinen Sinn.

Auch an der Hochschule für Musik und Theater soll die Absoventenzahl von heute 90 im Jahr um 30 verringert werden. Hochschulchef Hermann Rauhe (72) will zunächst prüfen, ob damit "die Schallgrenze unterschritten wird und wir deswegen kein Hochschulorchester mehr zusammenstellen können".

Prof. Rolf Dalheimer (62), früherer Präsident der Fachhochschule, bezeichnete die Reform als "mutig" und warnte davor, die Vorschläge zu zerreden: "Der Ansatz, mehr auf Qualität als auf Quantität zu achten, ist richtig."

Überwiegend positiv fielen die Reaktionen der Hochschulpolitiker aus. Christian Brandes (31, Schill-Fraktion) sprach von einem "Startschuss für ein innovatives Hochschulsystem". Wolfgang Beuß (48, CDU) und Wieland Schinnenburg (44, FDP) lobten die "mutigen Vorschläge". Barbara Brüning (51, SPD) entdeckte "wertvolle Impulse für Forschung und Lehre". Willfried Maier (60, GAL) nannte "viele Ziele der Kommission plausibel".

cri/pum