Doktoranden
Frehse, Jan Rekursive mentale Modelle
Kollegsprojekt
Ausgangs- und Anknüpfungspunkt meiner Dissertation ist ein zentraler Mangel bisheriger kognitionspsychologischer Theorien: Der ich-bewußte freie Wille oder: die bewußte Steuerung von Gedanken, prinzipiell ein allgegenwärtiges Phänomen, wird ausgeklammert, geleugnet oder implizit vorausgesetzt. Die zentrale Arbeitshypothese meiner Dissertation, die auf Gedanken von Douglas R. Hofstadter und Philip N. Johnson-Laird aufbaut, formuliert sich wie folgt:
Das mentale "Ich-Modell" des Menschen läuft bei bewußten Denkvorgängen als eine Art "Hintergrundprogramm" immer mit. Über komplexe rekursive Wechselwirkungen der aktuell aktiven Denk- bzw. Gedächtnisinhalte mit dem "Ich-Modell" (das selbst als komplexes System mit vielfältigen Wechselwirkungen zu anderen, z.B. emotionalen Systemen zu verstehen ist) werden Denkvorgänge "bewußt" gesteuert.
Ausgehend von dieser Arbeitshypothese möchte ich in meiner Dissertation versuchen, Erklärungsansätze auf vier Ebenen zu erarbeiten:
  • Auf neuronaler und neurophysiologischer Ebene (Architektur und Funktion neuronaler Netze, Aktivierungs- und Hemmungsvorgänge im Zusammenhang mit einer "bewußten" Lenkung des Denkens, "Module" im menschlichen Cortex bzw. bei PDP-Modellen)
  • Auf der Ebene mentaler "Symbole" bzw. Assoziationen von "Symbolen" (Entstehung mentaler Repräsentationen in neuronalen Netzen, Entstehung von Bedeutung, Probleme der Abgrenzung und Verknüpfung mentaler "Symbole")
  • Auf der Ebene mentaler Modelle (eng assoziierter Symbole) bzw. auf der Ebene von Aggregaten von mentalen Symbolen (Interpretation von eintreffenden Informationen vor dem Hintergrund mentaler "Welt-Modelle"; implizite Schlußfolgerungen)
  • Auf der Ebene von Denkvorgängen beim Problemlösen bzw. beim komplexen Problemlösen unter dem Aspekt des "freien Willens" (Warum ist das Konstrukt "Selbstsicherheit" Prädiktor für komplexe Problemlöseleistungen?, Auswirkungen des Selbstkonzeptes auf psychische Veränderungen, "Selbstverbalisationen" in pädagogisch-psychologischen Interventionen u.v.m.)
Zeitraum: April 1991 bis Juli 1992 (Zugehörigkeit zum Kolleg)
Betreuer: D. Rhenius
Fricke, Ellen Die Gestik als Ausdruck mentaler Prozesse. Eine Untersuchung der Relation von Gestik und Rede im Bereich des Zeigfeldes der Sprache
Kollegsprojekt
Wenn die Verständigung zwischen zwei Kommunikationspartnern gelingen soll, so müssen beide, Sprecher und Hörer, sowohl dafür Sorge tragen, daß während des Kommunikationsvorgangs ähnliche mentale Repräsentationen aufgebaut werden, als auch daß sie darin in ähnlicher Weise orientiert sind. Der Deixis kommt bei der Koordinierung von mentalen Repräsentationen eine besondere Funktion zu: Sie läßt sich als eine Orientierungstätigkeit auffassen, die der Sprecher beim Hörer mit verbalen und gestischen Mitteln bewirkt. Es läßt sich zeigen, daß diese Orientierungstätigkeit in ihrer spezifischen Ausprägung sich innerhalb bestehender theoretischer Ansätze zur Deixis nicht angemessen erfassen läßt, da sie die Rolle der Gestik in starkem Maße marginalisieren.
Den Gesten und der Rede, davon wird in der Dissertation ausgegangen, liegen dieselben mentalen Prozesse zugrunde, die zugleich auf propositionale und bildlich-analoge Repräsentationen zugreifen. Dabei offenbaren sich in den Gesten vor allem die bildlich-analogen Repräsentationen des Sprechers in der Sprachproduktion und die Struktur des Sprachproduktionsprozesses als innerer Diskurs.
Schließen Kognitionspsychologen vor allem aufgrund von Reaktionszeitanalysen auf Eigenschaften bildlich-analoger Repräsentationen, so nähert sich eine Untersuchung der redebegleitenden Gesten diesen gewissermaßen komplementär: Von Beobachtungsdaten, die sich beispielsweise aus der Videoaufzeichnung von Filmnacherzählungen ergeben, wird auf Aspekte bildlich-analoger Repräsentationen geschlossen. Diese, so ist anzunehmen, werden in den dreidimensionalen Gestenraum projiziert und sind somit direkt beobachtbar.
Das Ziel dieses Dissertationsprojekts ist es, einen theoretischen Rahmen zu entwickeln, in dem sich die Frage nach der Relation von Gestik und Rede im Zeigfeld der Sprache angemessen beantworten läßt, und zwar in Auseinandersetzung mit Beobachtungsdaten einerseits und auf der Grundlage bestehender theoretischer Ansätze andererseits.
Zeitraum: Oktober 1996 bis September 1997 (Zugehörigkeit zum Kolleg)
Betreuer: Ch. Habel, St. Kelter
Schwerpunkt: Sprachproduktion und Sprachverstehen
Publikationen:
  • Durstewitz, D., Claus, B., Fricke, E. & Schmid, U. (1994). Induktion von Perspektive in räumlichen Situationsmodellen in Abhängigkeit vom sprachlichen Ausdruck. Forschungsbericht (KIT-Report 121) aus dem Institut für Software und theoretische Informatik, Projektgruppe KIT, FB Informatik, Technische Universität Berlin.
  • Fricke, E. (1996). Die Verben des Riechens im Deutschen und Englischen. Eine kontrastive semantische Analyse. Forschungsbericht (KIT-Report 136) aus dem Institut für Software und theoretische Informatik, Projektgruppe KIT, FB Informatik, Technische Universität Berlin.
  • Hörnig, R., Claus, B., Durstewitz, D., Fricke, E., Schmid, U. & Eiferth, K. (1996). Object Access in Mental Models under Different Perspectives Induced by Linguistic Expressions. Forschungsbericht (KIT-Report 126) aus dem Institut für Software und theoretische Informatik, Projektgruppe KIT, FB Informatik, Technische Universität Berlin.