Doktoranden
Haider, Hilde Explizites vs. implizites Wissen und Lernen
Drittmittelprojekt
Die Dissertation befaßt sich mit explizitem und implizitem Wissen und Lernen. Diese Unterscheidung geht auf Reber (1967) und Broadbent, Fitzgerald und Broadbent (1986) zurück. Diese Autoren gehen davon aus, daß Menschen bei der Bearbeitung eines Problems zwar lernen, erfolgreich hiermit umzugehen, daß sie dabei aber kein verbalisierbares Wissen über die dem Problem zugrundeliegende Struktur erwerben. Da die Autoren weiter annehmen, daß die erfolgreiche Bearbeitung des Problems die Kenntnis seiner Struktur voraussetzt, schließen sie, daß dieses Wissen implizit vorhanden ist. Der Erwerb dieses Wissens, das sogenannte implizite Lernen, verläuft ohne Hypothesengenerierung und -testung.
In der Dissertation wurde für den Bereich der Problemlöseforschung und des Grammatikerwerbs nachgewiesen, daß die zentrale Annahme, eine erfolgreiche Bearbeitung der Aufgaben setze eine vollständige Kenntnis der zugrundeliegenden Struktur voraus, unzutreffend ist. Die Aufgaben sind mit bedeutend weniger Wissen lösbar. Es wurde in insgesamt drei Experimenten gezeigt, daß Versuchspersonen, denen implizites Wissen über die zugrundeliegende Systemstruktur attribuiert wird, bei der Aufgabenbearbeitung schlechter abschneiden als Versuchspersonen, die nachweislich über dieses Wissen verfügen. Die Befunde dieser Arbeit sprechen damit deutlich gegen die Annahme impliziten Wissens und Lernens, wie sie in der Literatur diskutiert werden.
Zeitraum: bis November 1990 (Abgabe der Dissertation)
Betreuer: Prof. Dr. R. Kluwe, Prof. Dr. R. Dieterich, Prof. Dr. D. Dörner
Schwerpunkt: Erwerb, Repräsentation und Nutzung von Wissen
Publikationen:
  • Haider, H. (1992) Implizites Wissen und Lernen. Ein Artefakt? Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, XXXIX, S.68-100.
  • Haider, H. (1993) Was ist implizit am impliziten Wissen und Lernen. Sprache & Kognition, 12, S.44-52.
Heinecke, Armin Objektbasierte Selektion und Charakteristiken des Wechsels der Aufmerksamkeit
Kollegsprojekt
In einer Reihe von psychologischen Experimenten sollen die Charakteristiken selektiver räumlicher Aufmerksamkeit unter besonderer Berücksichtigung der Objektgruppierung untersucht werden. Hierbei soll experimentell gesehen insbesondere das Paradigma des Aufmerksamkeitswechsels (Vorberg 1993, 1994) verwendet werden. Den Modellierungshintergrund bildet ein neuronales Netzwerk-Modell zur Simulation visueller selektiver Aufmerksamkeit (Goebel 1995). Thematisch sind die Arbeiten in den Schwerpunkt Wahrnehmung des Graduiertenkollegs Kognitionswissenschaft eingeordnet. Bei der Vorstellung und Diskussion der Arbeiten im Kontext der Projekte anderer Teilnehmer des Schwerpunktes kristallisierte sich eine Zusammenarbeit mit dem Kollegiaten Steffen Egner unter der Anleitung von Prof. Zangemeister heraus, wodurch die technischen Möglichkeiten des Universitätskrankenhauses Eppendorf genutzt werden können. Diese Kooperation impliziert auf der theoretischen und experimentalpsychologischen Seite zudem die verstärkte Einbindung der Braunschweiger Arbeitsgruppe um Prof. Vorberg.
Eine Reihe von Annahmen des erwähnten Netzwerk-Modells (Goebel 1995) soll unter dem Einsatz von Apparaturen zur Blickbewegungsregistrierung vermittels einiger experimentalpsychologischer Paradigmen zur willentlichen Aufmerksamkeitsverlagerung geprüft werden. Von besonderem Interesse sind die Aussagen des Modells zur mentalen Transformation und Skalierung von Reizen. Die Ergebnisse sollen sowohl hinsichtlich des theoretischen Hintergrundes ausgewertet werden als auch in die Modifikation der Modellierung eingehen. Da auch die offene Ausrichtung der Aufmerksamkeit in Form von Augenbewegungen eine wichtige Rolle spielt, ist zunächst eine intensive Einarbeitung in die Literatur zu Blickbewegungen und deren Programmierung und Vorbereitung durch Aufmerksamkeitsprozesse geplant.
Zeitraum: Februar 1995 bis Mitte 1997, dann Thema abgeändert
Betreuer: Dirk Vorberg
Schwerpunkt: Visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
Externe Vorträge während der Kollegiatenzeit:
April 1995:
Tagung experimentell arbeitender Psychologen (TeaP) 1995 (Bochum), 10.-13.4.1995
Mai 1995:
Kollegiatentreffen in Nohfelden (Saarland), 12.-14.5.1995
Hoefer, Ben Mentale Modelle und das Problem des mentalen Gehalts
Kollegsprojekt
Seit den 80er Jahren hat die psychologische Theorie mentaler Modelle mehr und mehr Anhänger in der Kognitionswissenschaft gewonnen. Inzwischen hat sie sich zu einer starken Konkurrentin der ehemals vorherrschenden propositionalen Theorien mentaler Repräsentation entwickelt. Vor diesem Hintergrund erlangen philosophische Theorien mentaler Modelle ein besonderes Interesse. Denn sie sind 'anschließbar' an psychologische Forschungen: Auf diese Weise erscheint ein Brückenschlag zwischen Philosophie des Geistes und kognitiver Psychologie durchführbar. Von einer solchen Kooperation ist gegenseitige Anregung zu erwarten, aber auch gegenseitige Kritik. Da die philosophische Modell-Theorie zur Zeit noch eine Minderheits-Position darstellt, kann sie sich 'Schützenhilfe' von ihrer psychologischen Schwester erhoffen.
Meine Dissertation ist den wenigen ausgearbeiteten philosophischen Modell-Theorien gewidmet. Es geht mir darum zu erörtern, was das Konzept des mentalen Modells in der Philosophie des Geistes zu leisten vermag.
Laut Fodor bilden propositionale Einstellungen ein zentrales Thema der Kognitions-Wissenschaft. In Bezug auf solche Einstellungen erörtert man seit langem in der Philosophie des Geistes ein Problem, es ist das Problem des mentalen Gehalts. Eine prominente Variante dieser Schwierigkeit läßt sich folgendermaßen darstellen:
  • Wenn propositionale Einstellungen tatsächlich Relationen zwischen (konkreten) Personen und (abstrakten) Propositionen sind, - wie sind dann solche Einstellungen überhaupt möglich? Wie ist eine derartige 'Verquickung' von Konkretem mit Abstraktem verständlich zu machen?
  • Ferner: Bestimmte Handlungen (ebenso bestimmte Einstellungen) lassen sich intentional erklären unter Rekurs auf bestimmte Einstellungen und deren propositionale Gehalte. Doch diese Gehalte sind abstrakt, somit kausal 'impotent': Kein Ereignis auf dieser Welt können sie herbeiführen oder verhindern (helfen). Wie aber können dann Gehalte in der intentionalen Erklärung von Handlungen (oder Einstellungen) eine echte Rolle spielen? Sind sie dabei nicht wie ein Rad, das leerläuft und keine Arbeit leistet, das also redundant ist?
Um nun herauszufinden, was das Konzept des mentalen Modells zu leisten im Stande ist, will ich es auf das eben dargestellte Problem des mentalen Gehalts anwenden - genauer: Ich werde jene Theorien auf dieses Problem anwenden, die mentalen Gehalt ausschließlich unter Rekurs auf mentale Modelle zu erklären versuchen. Meine leitende Fragestellung lautet also folgendermaßen:
  • Läßt sich das Problem des mentalen Gehalts allein unter Rekurs auf mentale Modelle lösen?
  • Wie plausibel sind Theorien des mentalen Gehalts, die als mentale Repräsentationen ausschließlich mentale Modelle anerkennen?
Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung besteht meine Dissertation aus drei Teilen:
  • Zunächst einmal gilt es, den Begriff des mentalen Modells im besonderen und den der mentalen Repräsentation im allgemeinen zu klären. Dies geschieht in Teil 1 meiner Dissertation.
  • Die verbleibenden beiden Teile meiner Dissertation sind zwei radikalen Theorien gewidmet, die mentalen Gehalt ausschließlich unter Rekurs auf mentale Modelle erklären wollen: McGinns Modell-Theorie und Cummins' Abbild-Theorie der Repräsentation. Eine detaillierte Erörterung dieser Theorien gibt es bis jetzt nicht. Es scheint auch nur wenige Theoretiker zu geben, die eine dieser Theorien explizit vertreten. Insofern kann ich mit meiner Dissertation eine mißliche Lücke schließen. Bei meiner Erörterung werde ich gelegentlich eingehen auf die Theorien mentaler Karten von Armstrong einerseits sowie Jackson und Braddon-Mitchell andererseits.
Das Ergebnis meiner Dissertation wird sein, daß philosophische Theorien mentaler Modelle kritisch zu bewerten sind; daß sie insbes. nicht in der Lage sind, das Problem des mentalen Gehalts allein unter Rekurs auf mentale Modelle zu lösen. Um meine Dissertation nicht mit einem derart faden Ergebnis zu beenden, werde ich schließlich eine eigene Lösung für das Problem des mentalen Gehalts vorschlagen.
Zeitraum: April 1998 bis 1999
Betreuer: Wolfgang Künne, Mark Textor, Werner Diederich
Schwerpunkt: Einstellungen, Begriffe und Objekte
Sprachproduktion und Sprachverstehen
Weitere relevante Aktivitäten:
  • Mitglied des "Hamburger Kreises" seit 1992
Hoeschen, Oliver Rationalität
Kollegsprojekt
Der Sprachphilosoph Donald Davidson vertritt die These, daß es möglich ist, mithilfe einer radikalen Interpretation alle Äußerungen eines jeden beliebigen Sprechers S zu verstehen. Um diese radikale Interpretation durchführen zu können, muß der Interpret I dem Sprecher S unter anderem unterstellen, daß dieser rational ist.
Im ersten Teil des Projektes versuche ich, genauer herauszuarbeiten, was es nach Davidson heißt, daß I dem S unterstellen muß, rational zu sein. Die Antwort lautet, daß I annehmen muß, daß S die Prinzipien der Rationalität (das sind: (a) das Prinzip (P1), Überzeugungen zu haben und zu bilden, deren Gehalte gemäß den Gesetzen der Logik einander nicht widersprechen, (b) das Prinzip (P2), gemäß den Gesetzen der Entscheidungstheorie zu handeln, (c) das Prinzip (P3), dasjenige zu glauben, wofür die besten Gründe sprechen, es zu glauben, und (d) das Prinzip (P4), dasjenige als Handlung auszuführen, wozu man die besten Gründe hat, es auszuführen) nicht systematisch verletzt.
Die Ergebnisse einiger psychologischer Experimente zu kognitiven Fehlern, bzw. die psychologischen Theorien, die aufgestellt worden sind, um diese Experimentergebnisse zu erklären, sind von manchen Autoren (Goldman, Stich) so aufgefaßt worden, als zeigten sie, daß wir Menschen systematisch und hochgradig irrational sind. Insbesondere zeigen sie nach Ansicht dieser Autoren, daß die Prinzipien (P1) und (P2) von uns Menschen systematisch verletzt werden. Wäre dies der Fall, könnte Davidsons Modell der radikalen Interpretation nicht auf Menschen angewendet werden, da - wie die Experimente zu zeigen scheinen - ein Interpret I nicht berechtigt ist, die für die radikale Interpretation notwendige Unterstellung von Rationalität bei Menschen vorzunehmen. Im zweiten Teil meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, ob die Experimentergebnisse und/oder die zu ihrer Erklärung aufgestellten Theorien tatsächlich eine systematische Verletzung der von Davidson genannten Prinzipien der Rationalität darstellen bzw. erweisen können.
Im dritten Teil meiner Arbeit möchte ich versuchen, zur Klärung unseres alltäglichen Rationalitätsbegriffs beizutragen und Schwierigkeiten aufzeigen, die einer derartigen Klärung im Weg stehen. Ferner möchte ich untersuchen, ob Davidsons Rationalitätsbegriff eine angemessene Explikation unseres alltäglichen Rationalitätsbegriffes darstellt. Insbesondere wird dabei wichtig sein, ob Davidson die Forderung nach dem Einhalten der Gesetze der Entscheidungstheorie nicht zu stark in seine Rationalitätskonzeption einfließen läßt, da diese Forderung in dem alltäglichen Rationalitätsbegriff nicht nur nicht enthalten, sondern z.T. mit ihm inkompatibel ist. Schließlich möchte ich mich in diesem dritten Teil mit der Frage beschäftigen, ob die genannten psychologischen Experimente und Theorien dann, wenn man unseren normalen Rationalitätsbegriff als Maßstab verwendet, zeigen können, daß wir Menschen hochgradig und systematisch irrational sind.
Zeitraum: März 1998 bis 1999
Betreuer: W. Künne, D. Rhenius
Schwerpunkt: Einstellungen, Begriffe und Objekte
Sprachproduktion und Sprachverstehen
Externe Vorträge während der Kollegiatenzeit:
November 1997:
"Paradoxien durch Rückwärtsinduktion: Das Reisendendilemma und das Gefangenendilemma": Vortrag auf dem Seminar Rationalität an der Venice International University.
November 1998:
"Perspektiven: Was ist eine Perspektive und warum ist sie subjektiv": Vortrag im Seminar Subjektivität an der Venice International University am 18.11.98.
September 1999:
"Is systematic irrationality possible": Vortrag bei dem Colloquium für analytische Philosophie in Bologna am 27.9.99
Weitere relevante Aktivitäten:
WS 1998/1999:
Beteiligung an der Durchführung der Ringvorlesung "Konzepte".
SS 1999:
Mitglied der Organisationsgruppe für die Ringvorlesung "Schwerpunkte der Kognitionswissenschaft" mit Ch. Habel, H. Tappe, A. Tatzel
Hofmann, Monika Verarbeitung elliptischer Satzsequenzen beim Sprachverstehen
Kollegsprojekt
Ellipsen sind dadurch gekennzeichnet, daß bestimmte Elemente der Äußerung nicht overt realisiert werden (z.B. Klaus mag Schokolade und Irene Chips.). Die nicht explizit gegebene Information wird von Rezipienten aber zweifellos mitverstanden.
Für die psycholinguistische Forschung zum Sprachverstehen wirft dies die Frage auf, wie die Mechanismen zu charakterisieren sind, die zu einer kohärenten Interpretation elliptischen Inputs führen. Hypothesen über die Gestalt des Verarbeitungsprozesses können aus den in der theoretischen Linguistik diskutierten Vorschlägen für die Generierung von Ellipsen abgeleitet werden. Gemessen an normativen Satztheorien sind elliptische Sequenzen syntaktisch unvollständig, d.h. lückenhaft und werden meist als Resultat regelgeleiteter Tilgung redundanter Elemente aus vollständigen Satzstrukturen beschrieben (vgl. Klein, 1993).
Gemäß dieser Beschreibung wäre zu erwarten, daß bei der Rezeption elliptischer Satzmuster eine Lücke detektiert und dadurch die Suche nach dem passenden sprachlichen Antezedens ausgelöst wird, d.h. ein erneuter Zugriff auf das Bezugswort der Lücke stattfindet (vgl. Sag & Hankamer, 1984). Entsprechend sollte ein Reaktivierungseffekt für dieses Element zu beobachten sein.
Die derzeit vorliegenden experimentalpsychologischen Untersuchungen sind bezüglich dieser Vorhersagen nicht klar interpretierbar. Der Logik folgend, daß ein solcher Suchprozeß durch Variation der Distanz zwischen der Lücke und ihrem Bezugswort beeinflußbar sein sollte, können Befunde ansteigender Satzlesezeiten bei Vergrößerung der Distanz zwar als indirekte Hinweise auf einen solchen Suchprozeß gewertet werden (z.B. Murphy, 1985; Tanenhaus & Carlson ,1990). Allerdings lassen sich auf Basis dieser Daten keine konkreten Aussagen darüber treffen, ob die Suche nach dem Antezedens tatsächlich direkt nach dem Entdecken der Lücke initiiert wird oder das "Schließen" der Lücke erst satzfinal erfolgt.
Im Rahmen der Promotion wurden zur Untersuchung dieser Fragestellung daher zwei Experimente unter Verwendung anderer Paradigmen durchgeführt. Die Ergebnisse sprechen dafür, daß nach der Verarbeitung der Lücke eine Reaktivierung des Antezedens erfolgt, die benötigte Information also bereits vor der abschließenden Integrationsphase verfügbar ist.

Literatur
  • Klein, W. (1993) Ellipse. In: J. Jakobs, A. von Stechow, W. Sternefeld & Th. Vennemann (Hrsg.) Syntax. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Vol.1.
  • Murphy, G. L. (1985) Processes of understanding anaphora. Journal of Memory and Language, 24, 290-303.
  • Sag, I. & Hankamer (1984) Toward a theory of anaphoric processing. Linguistics and Philosophy, 7, 325-345.
  • Tanenhaus, M. K. & Carlson, G. N. (1990) Comprehension of deep and surface verbphrase anaphors. Language and Cognitive Processes, 5 (4), 257-280.
Zeitraum: November 1996 bis 1999
Betreuer: Ch. Habel, S. Kelter
Schwerpunkt: Einstellungen, Begriffe und Objekte
Sprachproduktion und Sprachverstehen
Externe Vorträge während der Kollegiatenzeit:
April 1998:
"Sprachverstehensprozesse bei unvollständigen Satzstrukturen". Vortrag, gehalten auf der 40. Tagung experimentell arbeitender Psychologen in Marburg
März 1999:
"Verarbeitung impliziter Anaphern beim Sprachverstehen". Vortrag, gehalten auf der 41. Tagung experimentell arbeitender Psychologen in Leipzig.
Mai 1999:
"Kopierprozesse bei der Sprachverarbeitung: oder was passiert, wenn Hausmeister Glühbirnen wechseln und Mechaniker Zündkerzen?". Vortrag, gehalten im Kolloquium der Abteilung Allgemeine Psychologie der TU Braunschweig.