Repräsentation von Raum und Zeit in kognitiven Prozessen |
Im Schwerpunkt Repräsentation von Raum und Zeit in kognitiven Prozessen untersuchten wir formale Eigenschaften raum-zeitlicher Strukturen und ihre Modellierbarkeit; den Erwerb von räumlichem Wissen und von Wissensstrukturen in realen und simulierten Umwelten; die Erstellung komplexer räumlicher Relationen in 'kognitiven Karten' und den darauf operierenden Verarbeitungsprozessen einschließlich ihrer zeitlichen Struktur; den Zusammenhang zwischen kognitiven Ereignis- und Raumrepräsentationen; mentale räumliche Referenzrahmen sowie Operationen in mentalen und modellierten Repräsentationen; die Konzeptbildung über räumliche Relationen und ihre sprachliche Beschreibung; den Einfluß des Entzugs sensorischer Inputs auf die Präzision der Raumrepräsentation und Möglichkeiten der Kompensation. Die Fragestellungen stammten aus theoretischen Erwägungen, aus experimentellen Befunden sowie aus Anwendungsproblemen.
Entsprechend der interdisziplinären Ausrichtung des Graduiertenkollegs waren die methodischen Ansätze zur Untersuchung der raum-zeitlichen Repräsentationen vielfältig. Wir führten theoretisch-formale Untersuchungen zu unterschiedlichen Modellen raum-zeitlicher Strukturen durch (z. B. qualitatives vs. quantitatives Wissen), wir erstellten Computermodelle zu deren empirischen Überprüfung und führten experimentelle Untersuchungen zu räumlich-kognitiven Prozessen und Repräsentationen und zur Orientierung des Menschen im Raum durch. Dabei versuchten wir, die bestehenden Wissenslücken durch eine Verbindung analytischer und synthetischer Ansätze zu schließen.
Die Arbeit in dem Schwerpunkt Repräsentation von Raum und Zeit in kognitiven Prozessen wurde im Rahmen von Promotions-, PostDoc- und Mehrpersonenprojekten (gemeinsame Forschungsvorhaben von Mitgliedern und Kollegiaten) durchgeführt. Darüber hinaus wurden Diskussions- und Arbeitsgruppen aufgebaut, die der Wissensvermittlung sowie dem Auffinden und der Untersuchung gemeinsamer Forschungsparadigmen (gemeinsame Beispiele, gemeinsame Fragestellungen, etc.) dienten. So bestand 1994/95 eine Arbeitsgruppe What and where, in der Erkenntnisse aus der Psychologie (Wahrnehmungsexperimente v. a. zur visuellen Aufmerksamkeit zwischen und innerhalb von Objekten), der KI (Repräsentation von Objekten und räumlichen Relationen) sowie z. T. der Neuropsychologie behandelt wurden. Eine weitere Arbeitsgruppe erstellte eine Experimentierumgebung zur Modellierung von Prozessen in räumlichen Welten, die als gemeinsame Basis für formale Untersuchungen und für die Planung von Kognitionsexperimenten an Menschen im Rahmen der Einzelprojekte diente.
Der Schwerpunkt hatte eine enge Verbindung zum Schwerpunkt Visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, in dem perzeptuelle Voraussetzungen und Randbedingungen für räumliche Repräsentationen und Prozesse untersucht wurden. Organisatorisch spiegelt sich dies in zahlreichen "Doppelmitgliedschaften" und in der Durchführung gemeinsamer Schwerpunkttreffen wider. Das im Schwerpunkt Sprachproduktion und Sprachverstehen angesiedelte Mehrpersonenprojekt "Textverstehen", bei dem es um den Aufbau räumlicher Repräsentationen beim Textverstehen ging, weist ebenfalls starke Beziehungen zu diesem Schwerpunkt auf.
Der Schwerpunkt Repräsentation von Raum und Zeit in kognitiven
Prozessen war ein sehr aktiver Forschungsschwerpunkt, der u.a. Querbezüge
zu dem DFG-Schwerpunktprogramm Raumkognition sowie zu dem NSF-Forschungsprogramm
Varenius aufgebaut hat. Aus dem Schwerpunkt heraus wurde auch ein vom DAAD
und der NSF gemeinsam gefördertes Kooperationsprojekt der Universität
Hamburg, der University of California Santa Barbara und der Stanford University
beantragt und wird gegenwärtig durchgeführt.
Im Rahmen meiner interdisziplinären Analyse von Teil-Ganzes-Strukturen habe ich an einer Klassifikation von Teil-Ganzes-Relationen, deren Repräsentations- und Verarbeitungsmechanismen und Ansätzen zur Formalisierung gearbeitet. In Zusammenarbeit mit Peter Gerstl wurde eine konstruktive Klassifikation entwickelt, die konzeptuell vorgegebene Teilstrukturen, z.B. Komponenten wie die Karosserie als Teil des Autos, und temporär konstruierte Teile, z.B. Segmente wie die vordere Hälfte des Autos, unterscheidet. Die Verarbeitung erfolgt in einem hybriden System, in dem propositionale und intrinsisch räumliche, in diesem Fall bildhafte, Repräsentationen und Inferenzen kombiniert werden. Z.B. wird die konzeptuell vorgegebene Teilstruktur mit propositionalen Mitteln realisiert, während die bildhafte Repräsentation eines Objektes u.a. für die Darstellung der räumlichen Anordnung der konzeptuellen Teile und die Konstruktion von Segmenten wie Hälften und Ecken verwendet wird. Auf der Basis dieser Arbeiten entstand die Formalisierung des Begriffs "Teil" in der Domäne der starren Objekte. Ein Prototyp zur Verarbeitung der Teilstruktur starrer Objekte im Rahmen eines bildhaft/propositionalen Systems ist im Rahmen eines Studienprojektes entwickelt worden.
Der zweite Schwerpunkt meiner Arbeit betraf die spezifischen Eigenschaften von bildhaften Repräsentationen und ihr Bezug zu mentalen Bildern, wie sie im Rahmen der Imagery-Forschung untersucht werden. Dazu gehört auch die Frage nach unterschiedlichen mentalen räumlichen Repräsentationen wie sie in der „what and where“-Debatte angegangen werden. Diese Themen wurden u.a. in Arbeitsgruppen des Raum-Schwerpunktes bearbeitet.
Ein wichtiges, über die spezifischen Einzelinhalte hinausgehendes Ziel meiner Forschung ist es, eine gegenseitige Bereicherung der kognitiven und der formalen bzw. anwendungsorientierten Forschung in KI und Kognitionswissenschaft zu bewirken. Ich bin stellvertretende Sprecherin der Fachgruppe "Kognition" der Gesellschaft für Informatik und Mitveranstalterin von Workshops zum Zusammenbringen von technischer und kognitions-orientierter Sichtweise.
Literatur:
Engehausen, A. / Pribbenow, S. / Töter, U. (1997): Taxonomie und
Partonomien. in: R. Kluwe (Hrsg.): Kognitionswissenschaft: Strukturen und
Prozesse intelligenter Systeme. Deutscher Universitätsverlag: Wiesbaden
Gerstl, P. / Pribbenow, S. (1995): Midwinters, End Games, and Bodyparts:
A Classification of Part-Whole Relations (extended version). International
Journal of Human-Computer Studies 43, special issue on "Formal Ontology
in Conceptual Analysis and Knowledge Representation"
Glasgow, J. / Narayanan, H. / Chandrasekaran, B. (1995) (eds.): Diagrammatic
Reasoning: Computational and Cognitive Perspectives. MIT-Press
Habel, Ch. / Pribbenow, S. / Simmons, G. (1995): Partonomies and Depictions:
A Hybrid Approach. in: J. Glasgow / H. Narayanan / B. Chandrasekaran (eds.):
Diagrammatic Reasoning: Computational and Cognitive Perspectives. MIT-Press
Kosslyn, S. (1994): Image and Brain. Cambridge, MA: MIT-Press
Pribbenow, S. (1993): Räumliche Inferenzen und Bilder. KI-Sonderheft
"Räumliche Repräsen-tation und räumliches Schließen",
4/93. auch in: K. Sachs-Hombach (1995) (Hrsg.): Bilder im Geiste: Zur kognitiven
und erkenntnistheoretischen Funktion piktorialer Repräsentationen.
Rodopi-Verlag
Pribbenow, S. (1995): Modeling Physical Objects: Reasoning about (Different
Kinds of) Parts. Proc. TSM'95 (Time, Space and Movement), Toulouse, France
Pribbenow, S. (1997): What's a Part? On Formalizing Part-Whole Relations.
in Ch. Freksa / M. Jantzen / R. Valk (Hrsg.): Foundations of Computer
Science. Potential - Theory - Cognition. Lecture Notes in Computer Science,
Springer-Verlag, Berlin
Pribbenow, S. (i. Ersch.): Parts and Holes and their Relations. in:
Ch. Habel & G. Rickheit (eds.): Mental Models in Discourse Processing
and Problem Solving. Elsevier
Tversky, B. (1990): Where Partonomies and Taxonomies Meet. in: S. L.
Tsohatzidis (ed.): Meanings and Prototypes: Studies in Linguistic Categorization.
Routledge: New York,
Winston, M. / Chaffin, R. / Herrmann, D. (1987): A Taxonomy of Part-Whole
Relations. Cognitive Science 11
In unserem Projekt werden virtuelle Umwelten als Experimentierumgebung genutzt und erprobt. Dies bietet die Vorteile der freien Gestaltbarkeit und kontrollierten Darbietung räumlicher Umgebungen sowie der elektronischen Erfassung von zeitlichen und räumlichen Meßdaten. Inhaltlich geht es darum, die Entstehung von integrierten Raumrepräsentationen ("kognitive Karten") über zeitverteilte Eigenbewegungen (Rotationen und Translationen) im Raum zu untersuchen. Von besonderem Interesse ist, ob und in welcher Weise Spezifika der Darbietung virtueller Umwelten (z. B. Dominanz visueller gegenüber motorischer Informationen) räumliche Wissenserwerbsprozesse beeinflussen.
Hierzu wurden beispielsweise Experimente durchgeführt, in denen Versuchspersonen in einer virtuellen Umgebung zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren sollten, nachdem sie zwei Seiten eines Dreiecks zurückgelegt hatten (triangle completion task). Untersucht wird der Einfluß von Faktoren wie Größe des visuellen Feldes oder Winkel- und Distanzverhältnisse im Dreieck. Solche und andere Experimente dienen der Überprüfung von Modellen räumlichen Lernens als zeitgestreckten egozentrischen Kodierprozessen. Erweiterungen dieser Experimente in Richtung komplexerer Räume und Vergleiche mit Navigationsleistungen unter realräumlichen Bedingungen sind geplant.
Publikationen:
May, M. & Klatzky, R. L. (1999). Path integration while ignoring
irrelevant movement. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory,
& Cognition.
May, M., Péruch, P., & Savoyant, A. (1995). Navigating in
a virtual environment with map-acquired knowledge: Encoding and alignment
effects. Ecological Psychology, 7, 21-36.
May, M., Wartenberg, F. & Péruch, P. (1997). Raumorientierung
in virtuellen Umgebungen (S. 15-40). In R.H. Kluwe (Hg.), Strukturen
und Prozesse intelligenter Systeme. Wiesbaden: Deutscher Universitäts
Verlag.
Péruch, P., May, M., & Wartenberg, F. (1997). Homing in
a virtual environment: Effects of field of view and path layout. Perception,
26, 301-311.
Wartenberg, F. & May, M., & Péruch, P. (1998). Spatial
orientation in virtual environments: Background considerations and experiments.
In C. Freksa, C. Habel, & K.F. Wender (Hg.), Spatial cognition.
An interdisciplinary approach to representing and processing spatial knowledge
(S. 469-489). Berlin: Springer.
Ein hiermit verwandter Forschungsschwerpunkt der letzten Jahre bezieht sich auf Fragen des Aufbaus räumlichen Wissens bei Eigenbewegungen in realen und simulierten Räumen. Hier nutzen wir virtuelle Computertechnologien zur Untersuchung bewegungsbegleitender räumlicher Enkodiermechanismen. Diese Forschungsarbeiten wurden aus Mitteln des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (PROCOPE; pro-gg-may) sowie aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG; ma-1515/2) gefördert. Fredrik Wartenberg, ehemaliger Post-Doktorand im Graduiertenkolleg, war über mehrere Jahre (1995 -1998) aktiv an diesen Forschungsarbeiten beteiligt.
Publikationen:
May, M. (1992). Mentale Modelle von Städten. Münster:
Waxmann.
May, Michael (1993). Die dynamische Funktion der Erklärungsbewertung
in epistemischen Systemen. Studien aus dem Philosophischen Seminar 14,
Philosophisches Seminar, Universität Hamburg.
May, M. (1996). Cognitive and embodied modes of spatial imagery. Psychologische
Beiträge, 38, 418-434; wiederabgedruckt in H.D. Zimmer & J.
Engelkamp (Hg.), Memory and processing of visual and spatial imformation
(S. 418-434). Lengerich: Pabst.
May, M. (im Druck). Kognition im Umraum. Wiesbaden: Deutscher
Universitäts Verlag (erscheint Winter 1999/2000).
May, M. & Rieser, J. J. (in Vorb.). Imagining environments and
constraints on switching positions in remembered space. C. Freksa, C. Habel
& K.F. Wender (Hg.), Spatial cognition II: An interdisciplinary
approach to representing and processing spatial knowledge. Berlin:
Springer. (erscheint Winter 1999/2000).
May, M. & Wartenberg, F. (1995). Rotationen und Translationen in
Umräumen: Modelle und Experimente. Kognitionswissenschaft, 4,
142-153.
Publikationen:
Freksa, C., Temporal reasoning based on semi-intervals, Artificial Intelligence
54 (1992) 199-227.
Freksa, C., Barkowsky, T., On the relation between spatial concepts
and geographic objects, in Burrough, P., Frank, A. Geographic objects with
indeterminate boundaries, 109-121, Taylor and Francis, London 1996.
Freksa, C., Berendt, B., Time and space in cognitive systems, European
Conference on Cognitive Science 1995, Saint-Malo. Report Nr. 56,
Graduierten-kolleg Kognitions-wissenschaft, Universität Hamburg, June
1996.
Zimmermann, K., Freksa, C., Qualitative spatial reasoning using orientation,
distance, and path knowledge, Applied Intelligence 6, 49-58, 1996.
Barkowsky T, Freksa C 1997. Cognitive requirements on making and interpreting
maps, in Spatial information theory, eds. Hirtle S, Frank A, LNCS 1329,
Berlin: Springer-Verlag, 347-361.
Freksa C, 1999, Links vor – Prototyp oder Gebiet? Probabilistische
und possibilistische Raumbeschreibung, in G Rickheit, Hg., Richtungen im
Raum, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 231-246.
Freksa, C, 1999, Spatial aspects of task-specific wayfinding maps,
in Visual and Spatial Reasoning in Design, eds. JS Gero & B Tversky,
15-32, Key Centre of Design Computing and Cognition, University of Sydney.
|
|
Graduiertenkolleg Kognitionswissenschaft
Universität Hamburg Vogt-Kölln-Str. 30 D-22527 Hamburg |
Tel.: 040 / 42883 2384
Fax: 040 / 42883 2385 e-mail: grkk-koord@informatik.uni-hamburg.de |