Sprachproduktion und Sprachverstehen |
Die Forschung richtet sich naturgemäß in erster Linie auf die Untersuchung der Sprachkenntnis und der Verarbeitung sprachlicher Einheiten (auf semantischer, syntaktischer, phonologischer und phonetischer Ebene). Bei einer ausschließlichen Analyse der sprachlichen Kognition bleibt jedoch eine Reihe von sprachlichen Phänomenen unerklärt (z. B. Topic/ Comment-Gliederung, Referenzauflösung, Kontrollphänomene). Inzwischen wird daher auch die nicht-sprachliche Kognition in die Betrachtung einbezogen. Auch in unserem Schwerpunkt wird die Beziehung zwischen Sprache und nicht-sprachlicher Kognition in vielen Forschungsprojekten unter unterschiedlichen Aspekten thematisiert.
Die Methoden der kognitionswissenschaftlichen Sprachforschung reichen von linguistischen Strukturanalysen sprachlichen Materials, über die empirischen Forschungsmethoden der Psychologie bis hin zur computerlinguistischen Modellierung. Traditionell werden linguistische Strukturanalysen vor allem im Hinblick auf die Theoriebildung zur Sprachkenntnis verwendet, während psychologische Methoden vor allem zur Bestimmung der Verarbeitungsschritte bei der Sprachproduktion und -rezeption eingesetzt werden. Beiden Forschungstraditionen ist gemeinsam, daß sich die Untersuchungen zumeist auf einzelne ausgewählte Komponenten oder die Schnittstelle zwischen zwei ausgewählten Komponenten konzentrieren, wobei von anderen Bereichen des sprachlichen Wissens bzw. der Sprachverarbeitung abstrahiert wird. Demgegenüber spielt für die Künstliche-Intelligenz-Forschung die Frage der Gesamtorganisation sprachlicher Kognition von jeher eine wichtige Rolle, da sich die Funktionstüchtigkeit eines Sprachverarbeitungsmodells erst mit der durchgängigen Modellierung aller an der Verarbeitung beteiligten Komponenten erweist.
Die Forschung löst sich inzwischen mehr und mehr von dieser traditionellen Zuordnung von Untersuchungsgegenständen und Untersuchungsmethoden. Dies kam auch in den Projekten unseres Schwerpunkts zum Ausdruck. So wurden beispielsweise linguistische Strukturanalysen vorgenommen, um Rahmenbedingungen für die Modellierung von Verarbeitungsprozessen bei der Sprachproduktion abzustecken, und umgekehrt wurden experimentalpsychologische Untersuchungen mit dem Ziel einer Spezifizierung der Struktur lexikalischen Wissens durchgeführt. Darüber hinaus wurden in den Forschungsprojekten die Theorien, Methoden und Befunde der verschiedenen Mutterdisziplinen in der kognitionswissenschaftlichen Forschung miteinander verknüpft.
Die einzelnen Forschungsprojekte innerhalb des Schwerpunkts gruppierten sich um die Mehr-Personen-Projekte zur Sprachproduktion und zum Textverstehen. Das Projekt zur Sprachproduktion SYNPHONICS (Günther, Habel, Schopp, Ziesche) strebte eine durchgängige Modellierung der Sprachproduktion von der konzeptuellen Eingabe bis hin zur lautsprachlichen Ausgabe an. Eine zentrale Annahme war, daß bei der konzeptuellen Planung einer sprachlichen Äußerung eine systematische Differenzierung zwischen der Repräsentation des sprachlichen und außersprachlichen Kontexts, des relevanten Hintergrundwissens und des propositionalen Gehalts vorgenommen wird. Diese unterschiedlichen Inhaltssegmente, die während der Konzeptualisierung kontinuierlich bereitgestellt werden, werden dann von der sprachlichen Formulierungskomponente ausgewertet und inkrementell weiterverarbeitet. Dieses Projekt bildete aufgrund seiner durchgängigen Modellierung Anknüpfungspunkte für verschiedene andere Projekte in dem Schwerpunkt. Ein besonders enger Zusammenhang bestand mit dem Projekt "Sprechplanung und sprachliche Variation" (Peters), in dem untersucht wurde, wie weit alternative Konstruktionen referentieller Ausdrücke im Deutschen unterschiedliche Rahmenbedingungen für den zeitlichen Verlauf der Äußerungsplanung liefern. Über die Zwei-Ebenen-Theorie der Bedeutung, die bei dem Projekt zur Sprachproduktion als Ausgangspunkt der Modellierung der Schnittstelle zwischen konzeptueller und semantischer Ebene diente, ergab sich auch eine natürliche Beziehung zu dem Projekt von Neugebauer (jetzt Hannover), in dem verschiedenen Fragen, die sich aus dieser Theorie ergeben, in experimentellen Untersuchungen zur Sprachrezeption nachgegangen wurde.
Die Schnittstelle zwischen sprachlicher und nichtsprachlicher Kognition ist auch das zentrale Thema des anderen Mehr-Personen-Projekts, in dem es um das Sprachverstehen ging, genauer: um das Verstehen von Texten (Habel, Kaup, Kelter). Das Projekt zielte auf eine Prüfung und Präzisierung der Theorie von Glenberg und Langston (1992) ab, die eine Weiterentwicklung der Theorie mentaler Modelle für das Sprachverstehen darstellt. Kern der Theorie von Glenberg und Langston (1992) ist die Annahme, daß beim Textverstehen notwendigerweise Repräsentationen im Visuo-Spatial Sketchpad (Baddeley 1986) aufgebaut werden. In dem Projekt wurde untersucht, ob während der Rezeption von visuell oder auditiv dargebotenen Texten eine Repräsentation gebildet wird, in der bestimmte Aspekte des geschilderten Sachverhalts (räumliche und zeitliche Relationen, visuell wahrnehmbare Aspekte) quasi-analog dargestellt werden, und ob diese Repräsentation für die Verarbeitung nachfolgender Textteile, insbesondere die Anaphernresolution, eine Funktion hat. Aus der Thematik dieses Projekts ergaben sich enge Kontakte mit dem Projekt von Nieding zur Verarbeitung und mentalen Repräsentation von narrativen Strukturen von Filmen, dem Projekt von Simmons zur Beziehung zwischen Sprache und Wahrnehmung am Beispiel von Objektkonzepten, und den Projekten von Meints und Tappe, die sich - unter verschiedenen Blickwinkeln - im Rahmen der Spracherwerbsforschung ebenfalls mit der Beziehung zwischen Sprache und nichtsprachlicher Kognition und den Problemen ihrer empirischen Erforschung auseinandersetzten. Was die Möglichkeiten einer Formalisierung psychologischer Sprachverstehenstheorien wie der von Glenberg und Langston (1992) betrifft, fand ein reger Austausch mit Eschenbach statt, die sich mit der Semantik natürlicher Sprachen, insbesondere ontologischen Fragestellungen, beschäftigt (s. Schwerpunkt "Einstellungen, Begriffe und Objekte").
Die Beziehung zwischen Sprache und nicht-sprachlicher Kognition ist
ebenfalls Thema der Kognitiven Grammatik (vgl. Lakoff 1987, Langacker 1991),
wenn auch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt. In der Kognitiven Grammatik,
die von einem funktionalen Erklärungsansatz von Sprache ausgeht und
sprachliche Kompetenz als Teil der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten
begreift, wird vor allem die kognitive Motiviertheit sprachlicher Strukturen
und Metaphorisierungsprozesse untersucht. Einige Teilprojekte verfolgten
Fragestellungen, die sich insbesondere aus dieser Theorie ergeben. So wurden
von Panther unter diesem Gesichtspunkt Kontrollphänomene im Englischen,
Deutschen und in anderen Sprachen untersucht. Ein anderes Teilprojekt (Panther,
Drews
& Kelter) beschäftigte sich mit der kognitiven Motivation der
aus der generativen Grammatik als dative alternation bekannten transformationellen
Beziehung. Analysiert wurde insbesondere, welchen Einfluß die Semantik
und Pragmatik von ditransitiven Verben auf die Kontakt- bzw. Distanzstellung
des direkten bzw. präpositionalen Objekts relativ zum Verb hat.
Der Zusammenhang von sprachlicher und nicht-sprachlicher Kognition
wird in einigen Projekten untersucht, die sich mit der Bedeutung räumlicher
Ausdrücke beschäftigen. Hierzu gehört die Analyse von Bewegungsverben
(Tschander) und von Formadjektiven (Leßmöllmann) (s. auch das
DFG-Projekt “Axiomatik räumlicher Konzepte” im DFG-Schwerpunktprogramm
“Raumkognition”, Leiter: Habel und Eschenbach). Im Themenkreis “Sprache
und Raum” bewegen sich auch die Untersuchungen von van der Zee zu Verformungsverben
sowie von Eshuis zur Wahl von Referenzrahmen bei der Interpretation direktionaler
Präpositionen (vor, hinter, links von, rechts von). Die Wahl von Referenzrahmen
ist auch für die Sprachproduktion relevant; hiermit beschäftigt
sich Tappe (DFG-Projekt “Konzeptualisierungsprozesse in der Sprachproduktion”
(Leitung: Habel).
Die Gesamtarchitektur des SYNPHONICS-Systems untergliedert sich in die Hauptkomponenten Konzeptualisierer, Formulator und Artikulator (vgl. Levelt 1989, Abb et al. 1995). Die der Analyse und Modellierung linguistischer Phänomene zugrundeliegende grammatische Theorie ist eine Variante der HPSG (vgl. Pollard & Sag 1994). Die Computermodellierung der linguistischen Planungskomponenten erfolgt in ALE (Attribute Logic Engine, vgl. Carpenter 1992).
Die Forschungen konzentrieren sich auf die Beziehung zwischen Semantik und prosodischer Phonologie (vgl. Günther et al. 1994). Es werden Phänomene, insbesondere aus dem Bereich der Informationsgliederung von Äußerungen, untersucht, bei denen prosodische Mittel zur Realisierung eines von der Konzeptualisierungskomponente geplanten Inhalts eingesetzt werden. Hierzu werden zur Abgrenzung des Phänomenbereichs eine Reihe eigener empirischer Daten (Sprachaufnahmen) ausgewertet.
Es wird ein differenzierter Ausgabestrom des Konzeptualisierungsprozesses angenommen, in dem Repräsentationen des relevanten sprachlichen und außersprachlichen Kontextes, des aktuellen Hintergrundwissens und des propositionalen Gehalts systematisch unterschieden werden. Die Strukturierungsmechanismen zur Berechnung des informationellen Status von Diskursentitäten in der konzeptuellen und semantischen Phase der Sprachproduktion bilden dabei einen Untersuchungsschwerpunkt (Teilprojekt Ziesche). Bei den auf der Grundlage der konzeptuellen Ausgabe stattfindenden semantischen Verarbeitungsprozessen wurden neben der Berechnung der Informationsstruktur von Äußerungen in einem Teilprojekt die Tragfähigkeit des Gesamtansatzes beispielhaft anhand der Modellierung von Prozessen zur Pronominalisierung erprobt (Teilprojekt Schopp). Nach der Ausarbeitung der Gesamtarchitektur des SYNPHONICS-Systems (vgl. Abb et al. 1995) wurde in einem Teilprojekt eine Spezifizikation und Implementierung einiger syntaktischer Subkomponenten in Angriff genommen (Teilprojekt Abb). An die Berechnung der semantischen Struktur auf der Basis der konzeptuellen Eingabe knüpft die prosodische Merkmalsplanung zur Realisierung der betreffenden Bedeutungsaspekte an (Teilprojekt Günther).
Unsere experimentellen Befunde deuten jedoch auf systematische Verarbeitungsunterschiede zwischen den beiden Klassen von Präfixverben hin. Semantische Relationen modifizieren die Kodierung der morphologischen Struktur zwischen Basisverben und daraus abgeleiteten Partikelverben (Drews, Zwitserlood, Bolwiender & Heuer, 1994). Sie scheinen jedoch bei der Kodierung der morphologischen Beziehung zwischen Basisverben und den mit gebundenem Präfix gebildeten Derivaten keine Rolle zu spielen (Drews & Neuwinger, 1995).
Mit Günter Radden, anderen Autoren und mir wird an einer Grammatik des Englischen gearbeitet, die kognitive, pragmatische und funktionale Erklärungsansätze miteinander verbindet. Im Rahmen dieses Projekts ist von mir ein Kapitel (Rohfassung) über "Sentence Types" erstellt worden, das gegenwärtig überarbeitet wird. In dieser Arbeit wird versucht, die grammatischen Kategorien "Deklarativsatz", "Interrogativsatz", "Imperativsatz" und "Exklamativsatz" als prototypisch organisierte Kategorien zu beschreiben und zu erklären.
Das Teilprojekt "Dative Alternation" (Panther, Drews, Kelter) beschäftigt sich mit der kognitiven Motivation der in der generativen Grammatik als Dativbewegung bekannten syntaktischen Erscheinung. Die Arbeitshypothese, die durch empirische Untersuchungen geprüft werden soll, geht davon aus, daß die Kontakt- bzw. Distanzstellung des indirekten bzw. präpositionalen Objekts zum Verb (z. B. Peter gave Mary the book vs. Peter gave the book to Mary) und die "räumliche" Bedeutung der grammatikalisierten Präposition to einen Einfluß auf die semantische bzw. pragmatische Interpretation der beiden Konstruktionen haben.
In einem weiteren Projekt sollen Erkenntnisse der kognitiven Linguistik (insbesondere Lakoffs "metonymic models") auf die Analyse von "indirekten Sprechakten" angewandt werden. Indirekte illokutionäre Akte wie z. B. Can you pass the salt? können etwa als Metonymien gedeutet, bei denen die Vorbedingung einer Handlung für die (sprachliche) Handlung selbst steht. Es wird angenommen, daß die postulierten "Sprechakt-Metonymien" die Grundlage "natürlicher Inferenzmuster" (natural inference patterns) bilden. Dieses Projekt ist eingebunden in ein übergreifenderes Vorhaben über die Rolle von Metonymien in sprachlichen und kognitiven Prozessen, das in Zusammenarbeit mit Günter Radden und dem Department of American Studies der Eötvös-Loránd-Universität Budapest stattfindet.
Auf der Grundlage der ursprünglich von Lakoff und Johnson entwickelten kognitiven Metapherntheorie wurden in mehreren Einzelprojekten verschiedene metaphorische Ausgangs- und Zieldomänen untersucht. Das bereits seit längerem betriebene Projekt zur Metaphorisierung des Bewegungskonzepts wurde fortgeführt. Fortgeführt wurde auch das Projekt zu metaphorischen Extensionen englischer Präpositionen.
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