Sprachentwicklung und Sprachentwicklungsstörungen


Fragestellungen und Ziele

Die Sprachfähigkeit ist eine zentrale Komponente des kognitiven Systems des Menschen. Ihre Erforschung vermittelt Einsichten in die Natur der kognitiven Repräsentationen und der Verarbeitung der außersprachlichen Realität. Einen privilegierten Zugang zu den Prinzipien und Mechanismen dieses kognitiven Systems verspricht das Studium der Entwicklung konkreter einzelsprachlicher Realisierungen der Sprachfähigkeit, einschließlich der dabei möglicherweise auftretenden Störungen. Diese Erwartung basiert auf der These, daß instabile Zustände der zugrundeliegenden Systeme zu Besonderheiten in den beobachtbaren Manifestationen führen, aus denen auf die Struktur und die Arbeitsweise dieser Systeme geschlossen werden kann. Dies gilt für die kindliche Sprachentwicklung ebenso wie für den Erwerb einer Zweitsprache und den historischen Sprachwandel. Entwicklung bedeutet aber nicht nur Aufbau einer Kompetenz, sondern auch deren Abbau beim Sprachverlust durch das Individuum (Aphasie, etc.) oder die Sprachgemeinschaft (z. B. Minderheitensprachen).

 In der kognitiv orientierten Sprachentwicklungsforschung stehen die folgenden Kernfragen im Mittelpunkt des Interesses:

  1. Wie verändert sich die sprachliche Kompetenz in der Ontogenese, im diachronen Wandel und beim Sprachverlust?
  2. Welche Faktoren beeinflussen diese Entwicklungen?
Um eine Beantwortung dieser Fragen bemühen sich verschiedene Forschungsansätze, die sich vor allem darin unterscheiden, ob und in welchem Grad sie eine modulare Organisation des kognitiven Systems annehmen. Die Annahme sprachspezifischer kognitiver Operationen ist somit umstritten. Übereinstimmung besteht hingegen in der Annahme einer genetisch verankerten Sprachfähigkeit und der Fähigkeit zum Spracherwerb. Zur Diskussion stehen allerdings Qualität und Quantität des angeborenen Potentials. In dieser Kontroverse um die Art und Weise der Sprachentwicklung sind prinzipiell drei Hauptströmungen identifizierbar.

Erstens werden Probleme sprachlicher Entwicklungen im Rahmen des Prinzipien- und Parametermodells der Universalgrammatik aufgegriffen. Diese Untersuchungen, die sich auf formale Aspekte konzentrieren, gehen von der Annahme einer grammatischen Kompetenz als autonomem Modul des kognitiven Systems aus (Autonomiehypothese). Sprachentwicklung wird wesentlich als lexikalisches Lernen und als Ergebnis der Neufestlegung grammatischer Parameter erklärt. Für den Spracherwerb ist hierbei die Bestimmung des vor jeder Lernerfahrung zugänglichen grammatischen Anfangswissens von besonderer Bedeutung; für jede Art von Entwicklung, ontogenetisch oder diachronisch in der Sprachgemeinschaft, stellt sich besonders die Frage, wie parametrischer Wandel zu erklären ist.

Zweitens wird die sprachliche Kompetenz als Teil der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten verstanden. Hier geht es darum, universale Prinzipien zu identifizieren, die diesen Fähigkeiten zugrunde liegen, wie z. B. Konzeptualisierung, Mustererkennung und Kategorisierung. Spracherwerb ist diesem Ansatz zufolge an die kognitive Entwicklung des Kindes gebunden, wobei der Erwerb von Wortschatz und Grammatik als Ergebnis komplexer Konzeptualisierungsprozesse betrachtet wird (Kognitionshypothese). Auch für den Sprachwandel wird vorhergesagt, daß die gleichen kognitiven Prinzipien wirksam sind, so daß Kongruenzen bei ontogenetischen und diachronen Entwicklungen prognostiziert werden.

Drittens wird die Dynamik des Spracherwerbs als Interaktion zwischen internen Dispositionen und äußeren Einflüssen betrachtet. Auf dem Wege zur Zielsprache bilden Kinder eigene kindersprachliche Systeme, die sie im Laufe der Entwicklung an die Formen und Funktionen der Zielsprache(n) angleichen (Konvergenzhypothese).

Aus diesen allgemeinen Fragestellungen lassen sich Einzelfragen ableiten, die sich spezifizieren lassen, wenn man verschiedene Sprachentwicklungstypen vergleicht. Im Schwerpunkt werden folgende Bereiche erforscht:

Die bereits abgeschlossenen oder noch abzuschließenden Dissertationen des Kollegschwerpunkts zeichnen sich in theoretischer und methodischer Hinsicht durch eine Qualität aus, die an den höchsten internationalen Maßstäben gemessen werden kann. Diese Qualität ist das Ergebnis der engen Kooperation zwischen Disziplinen, die die Grenzen von Fachbereichen und Fakultäten überschritten haben. So hat gerade der Schwerpunkt Sprachentwicklung bewiesen, daß die Verbindung zwischen Linguistik und Psychologie die Erforschung der Sprachentwicklung produktiv befruchtet. Der Schwerpunkt hat das Rätsel Sprachentwicklung nicht lösen können, aber entscheidend dazu beigetragen, es in Zukunft lösbarer zu machen.
 

Projekte


Doktoranden und Postdoktoranden


Werner Deutsch: Personreferenz während des Erstspracherwerbs

Die Mechanismen, die die Sprachentwicklung vorantreiben, sind noch immer ein großes Rätsel. Theoretische Konzeptionen unterscheiden sich darin, wieviel genetisch verankertes sprachliches Wissen vorausgesetzt wird, in welchem Ausmaß verschiedene Entwicklungsprozesse untereinander vernetzt sind und welche Rolle dem sozialen Kontext beigemessen wird. Anknüpfend an die Pionierarbeiten von Clara und William Stern wird untersucht, wie beim Aufbau und Wandel der sprachlichen Personreferenz interne Dispositionen und äußere Bedingungen des Sprachangebots zusammenwirken. Dabei werden verschiedene Methoden der Datenerhebung verwendet, die von der Analyse historischer Tagebücher bis hin zu experimentell erhobenen Sprachproduktionsaufgaben reichen. Außerdem wird berücksichtigt, in welcher sozialen Konstellation - Einzelkinder, Kinder mit älteren Geschwistern sowie ein- und zweieiige Zwillinge - sich die Sprachentwicklung im Alter von zwei bis fünf Jahren abspielt. Die Ergebnisse zeigen, daß der Aufbau der Personreferenz einer allgemeinen Entwicklungslogik folgt, die durch spezifische soziale Bedingungen beschleunigt oder verlangsamt wird. Die Sprachentwicklung von Zwillingen ist dabei ein Sonderfall, weil zwischen den engsten Interaktionspartnern kein Gefälle besteht, durch das (implizites) sprachliches Lernen gefördert wird. Manche, aber keineswegs alle Zwillinge schließen erst über eine Sonderform der Personreferenz (Dual) an den normalen Entwicklungsverlauf der Personreferenz an.


Jürgen M. Meisel: Erst- und Zweitspracherwerb

Im Rahmen von zwei von der DFG geförderten Forschungsprojekten wurde der simultane Erwerb des Deutschen und des Französischen („Deutsch und Französisch – Doppelter Erstspracherwerb“ – DUFDE, DFG Förderung 1986-1992) sowie des Baskischen und Spanischen („Baskisch und Spanisch – Doppelter Erstspracherwerb“ – BUSDE, DFG Förderung 1990-1994) untersucht. Dabei handelt es sich um Langzeituntersuchungen mit 12 (DUFDE) bzw. vier (BUSDE) Kindern im Vorschulalter. Zentrale Fragestellungen betreffen das den Kindern vor jeder Erfahrung zugängliche grammatische Wissen (initial state), die Rolle der Grammatik als autonomes Wissenssystem beim Erwerb der erwachsenensprachlichen Kompetenz und die Trennung der grammatischen Systeme bei Bilingualen. Die Ergebnisse dieser Arbeiten unterstützen die Annahme, daß im Alter von etwa zwei Jahren infolge von neurologischer Reifung grammatisches Wissen zugänglich wird, das als Universalgrammatik beschreibbar ist. Bei der Herausbildung der einzelsprachlichen Grammatiken müssen die sprachspezifischen Parameter festgelegt werden. Da dies die Option zuläßt, daß bestimmte Elemente, die sogenannten funktionalen Kategorien, in manchen Grammatiken gar nicht realisiert werden, scheinen kindliche Grammatiken zunächst nur substantielle (referentielle) Kategorien zu enthalten, während die funktionalen im Verlauf der grammatischen Entwicklung sukzessive implementiert werden. In dem Maße, in dem dies geschieht, werden von Bilingualen von Beginn an die beiden Grammatiken auseinandergehalten. Diese Resultate werden als unterstützende Evidenz für die Annahme eines sprachspezifischen kognitiven Moduls interpretiert.

Im Anschluß an diese Arbeiten wurde die Frage gestellt, ob ähnliche Entwicklungsmechanismen auch im Zweitspracherwerb durch Erwachsene (d. h. ab etwa 12 Jahren) wirksam sind. Dies wurde im Rahmen des Forschungsprojekts BENZ (Bilingualer Erstspracherwerb und natürlicher Zweitspracherwerb) untersucht. Das Projekt BENZ wurde von 1992-1995 durch die DFG gefördert. Die vorläufigen Ergebnisse dieser Arbeit legen die Schlußfolgerung nahe, daß Lerner einer Zweitsprache keinen Zugang mehr zu parametrisierten Prinzipien der Universalgrammatik haben, was als Beleg für die Annahme einer sensiblen Periode für den menschlichen Spracherwerb interpretiert wird. Folglich spielt induktives Lernen bei der Zweitsprache eine erheblich bedeutendere Rolle als im Erstspracherwerb. Dennoch ist anzunehmen, daß die Universalgrammatik vermittelt durch die grammatische Kompetenz in der Erstsprache und durch die Wirksamkeit nicht-parametrisierter Prinzipien auch die Entwicklung der Grammatik der Zweitsprache mitbestimmt. Der Vergleich der Grammatikentwicklung im Erst- und Zweitspracherwerb wird in den nächsten Jahren im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen.

Parallel zu diesen Untersuchungen habe ich mich zunehmend mit der Grammatikentwicklung im Verlauf des diachronen Sprachwandels befaßt. Die Ausgangsüberlegung hierzu ist, daß Restrukturierungen grammatischer Systeme in einer Weise erklärt werden müssen, die der Tatsache Rechnung tragen, daß über einen evtl. längeren Zeitraum hinweg sprachliche Strukturen mit zwei unterschiedlichen Grammatiken, der alten und der restrukturierten kompatibel sein müssen und daß die Veränderungen für die Sprecher der nächsten Generation lernbar sein müssen. Sprachwandel bedeutet folglich, daß Kinder, die das restrukturierte grammatische System erlernen, eine zumindest partiell andere Grammatik als die Erwachsenen aufbauen. Es gilt somit, Prozesse des Sprachwandels im Rahmen der Parametertheorie unter Lernbarkeitsgesichtspunkten zu interpretieren. Dies wird anhand von Untersuchungen zu Syntax und Morphologie verschiedener romanischer Sprachen (Französisch, Portugiesisch, Spanisch) geleistet. Die sprachhistorischen Fakten liegen zum gößten Teil bereits vor, müssen aber neu analysiert und interpretiert werden. Zeitlich konzentrieren wir uns auf die Zeit etwa von 1350 bis 1650, also auf den Übergangszeitraum vom Alt- zum Neufranzösischen, etc.


Volkmar Lehmann: Entwicklung und Motiviertheit sprachlicher Funktionen im Russischen und Polnischen

Die Forschung zur Entwicklung sprachlicher Funktionen erlebt gegenwärtig im Bereich der Diachronie eine Renaissance, nachdem sie im Bereich der Kindersprache schon früher eingesetzt hatte. In der Diachronie wird weitgehend noch mit den traditionellen, meist der Rhetorik entstammenden Begriffen wie Metapher und Metonymie gearbeitet, während in einer wichtigen Richtung der Erforschung sprachlicher Ontogenese allgemeine kognitive Prinzipien im Sinne von Slobin angewendet werden. Im Zentrum der gegenwärtigen Phase des Projekts stehen Fragen der Polysemie, die in Fortführung von Lehmann 1999 (Entwicklung ...) bearbeitet werden sollen.



letzte Änderung: September 2000  grkk-koord@informatik.uni-hamburg.de