Sprachentwicklung und Sprachentwicklungsstörungen
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Fragestellungen und Ziele
Die Sprachfähigkeit ist eine zentrale Komponente des kognitiven Systems
des Menschen. Ihre Erforschung vermittelt Einsichten in die Natur der kognitiven
Repräsentationen und der Verarbeitung der außersprachlichen
Realität. Einen privilegierten Zugang zu den Prinzipien und Mechanismen
dieses kognitiven Systems verspricht das Studium der Entwicklung konkreter
einzelsprachlicher Realisierungen der Sprachfähigkeit, einschließlich
der dabei möglicherweise auftretenden Störungen. Diese Erwartung
basiert auf der These, daß instabile Zustände der zugrundeliegenden
Systeme zu Besonderheiten in den beobachtbaren Manifestationen führen,
aus denen auf die Struktur und die Arbeitsweise dieser Systeme geschlossen
werden kann. Dies gilt für die kindliche Sprachentwicklung ebenso
wie für den Erwerb einer Zweitsprache und den historischen Sprachwandel.
Entwicklung bedeutet aber nicht nur Aufbau einer Kompetenz, sondern auch
deren Abbau beim Sprachverlust durch das Individuum (Aphasie, etc.) oder
die Sprachgemeinschaft (z. B. Minderheitensprachen).
In der kognitiv orientierten Sprachentwicklungsforschung stehen
die folgenden Kernfragen im Mittelpunkt des Interesses:
-
Wie verändert sich die sprachliche Kompetenz in der Ontogenese, im
diachronen Wandel und beim Sprachverlust?
-
Welche Faktoren beeinflussen diese Entwicklungen?
Um eine Beantwortung dieser Fragen bemühen sich verschiedene Forschungsansätze,
die sich vor allem darin unterscheiden, ob und in welchem Grad sie eine
modulare Organisation des kognitiven Systems annehmen. Die Annahme sprachspezifischer
kognitiver Operationen ist somit umstritten. Übereinstimmung besteht
hingegen in der Annahme einer genetisch verankerten Sprachfähigkeit
und der Fähigkeit zum Spracherwerb. Zur Diskussion stehen allerdings
Qualität und Quantität des angeborenen Potentials. In dieser
Kontroverse um die Art und Weise der Sprachentwicklung sind prinzipiell
drei Hauptströmungen identifizierbar.
Erstens werden Probleme sprachlicher Entwicklungen im Rahmen des Prinzipien-
und Parametermodells der Universalgrammatik aufgegriffen. Diese Untersuchungen,
die sich auf formale Aspekte konzentrieren, gehen von der Annahme einer
grammatischen Kompetenz als autonomem Modul des kognitiven Systems aus
(Autonomiehypothese). Sprachentwicklung wird wesentlich als lexikalisches
Lernen und als Ergebnis der Neufestlegung grammatischer Parameter erklärt.
Für den Spracherwerb ist hierbei die Bestimmung des vor jeder Lernerfahrung
zugänglichen grammatischen Anfangswissens von besonderer Bedeutung;
für jede Art von Entwicklung, ontogenetisch oder diachronisch in der
Sprachgemeinschaft, stellt sich besonders die Frage, wie parametrischer
Wandel zu erklären ist.
Zweitens wird die sprachliche Kompetenz als Teil der allgemeinen kognitiven
Fähigkeiten verstanden. Hier geht es darum, universale Prinzipien
zu identifizieren, die diesen Fähigkeiten zugrunde liegen, wie z.
B. Konzeptualisierung, Mustererkennung und Kategorisierung. Spracherwerb
ist diesem Ansatz zufolge an die kognitive Entwicklung des Kindes gebunden,
wobei der Erwerb von Wortschatz und Grammatik als Ergebnis komplexer Konzeptualisierungsprozesse
betrachtet wird (Kognitionshypothese). Auch für den Sprachwandel wird
vorhergesagt, daß die gleichen kognitiven Prinzipien wirksam sind,
so daß Kongruenzen bei ontogenetischen und diachronen Entwicklungen
prognostiziert werden.
Drittens wird die Dynamik des Spracherwerbs als Interaktion zwischen
internen Dispositionen und äußeren Einflüssen betrachtet.
Auf dem Wege zur Zielsprache bilden Kinder eigene kindersprachliche Systeme,
die sie im Laufe der Entwicklung an die Formen und Funktionen der Zielsprache(n)
angleichen (Konvergenzhypothese).
Aus diesen allgemeinen Fragestellungen lassen sich Einzelfragen ableiten,
die sich spezifizieren lassen, wenn man verschiedene Sprachentwicklungstypen
vergleicht. Im Schwerpunkt werden folgende Bereiche erforscht:
-
monolingualer Erstspracherwerb
-
bilingualer Erstspracherwerb
-
natürlicher Zweitspracherwerb
-
pathologischer Erstspracherwerb
-
Sprachwandel
Die bereits abgeschlossenen oder noch abzuschließenden Dissertationen
des Kollegschwerpunkts zeichnen sich in theoretischer und methodischer
Hinsicht durch eine Qualität aus, die an den höchsten internationalen
Maßstäben gemessen werden kann. Diese Qualität ist das
Ergebnis der engen Kooperation zwischen Disziplinen, die die Grenzen von
Fachbereichen und Fakultäten überschritten haben. So hat gerade
der Schwerpunkt Sprachentwicklung bewiesen, daß die Verbindung zwischen
Linguistik und Psychologie die Erforschung der Sprachentwicklung produktiv
befruchtet. Der Schwerpunkt hat das Rätsel Sprachentwicklung nicht
lösen können, aber entscheidend dazu beigetragen, es in Zukunft
lösbarer zu machen.
Projekte
Doktoranden und Postdoktoranden
Werner Deutsch: Personreferenz während des Erstspracherwerbs
Die Mechanismen, die die Sprachentwicklung vorantreiben, sind noch immer
ein großes Rätsel. Theoretische Konzeptionen unterscheiden sich
darin, wieviel genetisch verankertes sprachliches Wissen vorausgesetzt
wird, in welchem Ausmaß verschiedene Entwicklungsprozesse untereinander
vernetzt sind und welche Rolle dem sozialen Kontext beigemessen wird. Anknüpfend
an die Pionierarbeiten von Clara und William Stern wird untersucht, wie
beim Aufbau und Wandel der sprachlichen Personreferenz interne Dispositionen
und äußere Bedingungen des Sprachangebots zusammenwirken. Dabei
werden verschiedene Methoden der Datenerhebung verwendet, die von der Analyse
historischer Tagebücher bis hin zu experimentell erhobenen Sprachproduktionsaufgaben
reichen. Außerdem wird berücksichtigt, in welcher sozialen Konstellation
- Einzelkinder, Kinder mit älteren Geschwistern sowie ein- und zweieiige
Zwillinge - sich die Sprachentwicklung im Alter von zwei bis fünf
Jahren abspielt. Die Ergebnisse zeigen, daß der Aufbau der Personreferenz
einer allgemeinen Entwicklungslogik folgt, die durch spezifische soziale
Bedingungen beschleunigt oder verlangsamt wird. Die Sprachentwicklung von
Zwillingen ist dabei ein Sonderfall, weil zwischen den engsten Interaktionspartnern
kein Gefälle besteht, durch das (implizites) sprachliches Lernen gefördert
wird. Manche, aber keineswegs alle Zwillinge schließen erst über
eine Sonderform der Personreferenz (Dual) an den normalen Entwicklungsverlauf
der Personreferenz an.
Jürgen M. Meisel: Erst- und Zweitspracherwerb
Im Rahmen von zwei von der DFG geförderten Forschungsprojekten wurde
der simultane Erwerb des Deutschen und des Französischen („Deutsch
und Französisch – Doppelter Erstspracherwerb“ – DUFDE, DFG Förderung
1986-1992) sowie des Baskischen und Spanischen („Baskisch und Spanisch
– Doppelter Erstspracherwerb“ – BUSDE, DFG Förderung 1990-1994) untersucht.
Dabei handelt es sich um Langzeituntersuchungen mit 12 (DUFDE) bzw. vier
(BUSDE) Kindern im Vorschulalter. Zentrale Fragestellungen betreffen das
den Kindern vor jeder Erfahrung zugängliche grammatische Wissen (initial
state), die Rolle der Grammatik als autonomes Wissenssystem beim Erwerb
der erwachsenensprachlichen Kompetenz und die Trennung der grammatischen
Systeme bei Bilingualen. Die Ergebnisse dieser Arbeiten unterstützen
die Annahme, daß im Alter von etwa zwei Jahren infolge von neurologischer
Reifung grammatisches Wissen zugänglich wird, das als Universalgrammatik
beschreibbar ist. Bei der Herausbildung der einzelsprachlichen Grammatiken
müssen die sprachspezifischen Parameter festgelegt werden. Da dies
die Option zuläßt, daß bestimmte Elemente, die sogenannten
funktionalen Kategorien, in manchen Grammatiken gar nicht realisiert werden,
scheinen kindliche Grammatiken zunächst nur substantielle (referentielle)
Kategorien zu enthalten, während die funktionalen im Verlauf der grammatischen
Entwicklung sukzessive implementiert werden. In dem Maße, in dem
dies geschieht, werden von Bilingualen von Beginn an die beiden Grammatiken
auseinandergehalten. Diese Resultate werden als unterstützende Evidenz
für die Annahme eines sprachspezifischen kognitiven Moduls interpretiert.
Im Anschluß an diese Arbeiten wurde die Frage gestellt, ob ähnliche
Entwicklungsmechanismen auch im Zweitspracherwerb durch Erwachsene (d.
h. ab etwa 12 Jahren) wirksam sind. Dies wurde im Rahmen des Forschungsprojekts
BENZ (Bilingualer Erstspracherwerb und natürlicher Zweitspracherwerb)
untersucht. Das Projekt BENZ wurde von 1992-1995 durch die DFG gefördert.
Die vorläufigen Ergebnisse dieser Arbeit legen die Schlußfolgerung
nahe, daß Lerner einer Zweitsprache keinen Zugang mehr zu parametrisierten
Prinzipien der Universalgrammatik haben, was als Beleg für die Annahme
einer sensiblen Periode für den menschlichen Spracherwerb interpretiert
wird. Folglich spielt induktives Lernen bei der Zweitsprache eine erheblich
bedeutendere Rolle als im Erstspracherwerb. Dennoch ist anzunehmen, daß
die Universalgrammatik vermittelt durch die grammatische Kompetenz in der
Erstsprache und durch die Wirksamkeit nicht-parametrisierter Prinzipien
auch die Entwicklung der Grammatik der Zweitsprache mitbestimmt. Der Vergleich
der Grammatikentwicklung im Erst- und Zweitspracherwerb wird in den nächsten
Jahren im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen.
Parallel zu diesen Untersuchungen habe ich mich zunehmend mit der Grammatikentwicklung
im Verlauf des diachronen Sprachwandels befaßt. Die Ausgangsüberlegung
hierzu ist, daß Restrukturierungen grammatischer Systeme in einer
Weise erklärt werden müssen, die der Tatsache Rechnung tragen,
daß über einen evtl. längeren Zeitraum hinweg sprachliche
Strukturen mit zwei unterschiedlichen Grammatiken, der alten und der restrukturierten
kompatibel sein müssen und daß die Veränderungen für
die Sprecher der nächsten Generation lernbar sein müssen. Sprachwandel
bedeutet folglich, daß Kinder, die das restrukturierte grammatische
System erlernen, eine zumindest partiell andere Grammatik als die Erwachsenen
aufbauen. Es gilt somit, Prozesse des Sprachwandels im Rahmen der Parametertheorie
unter Lernbarkeitsgesichtspunkten zu interpretieren. Dies wird anhand von
Untersuchungen zu Syntax und Morphologie verschiedener romanischer Sprachen
(Französisch, Portugiesisch, Spanisch) geleistet. Die sprachhistorischen
Fakten liegen zum gößten Teil bereits vor, müssen aber
neu analysiert und interpretiert werden. Zeitlich konzentrieren wir uns
auf die Zeit etwa von 1350 bis 1650, also auf den Übergangszeitraum
vom Alt- zum Neufranzösischen, etc.
Volkmar Lehmann:
Entwicklung und Motiviertheit sprachlicher Funktionen im Russischen und Polnischen
Die Forschung zur Entwicklung sprachlicher Funktionen erlebt gegenwärtig
im Bereich der Diachronie eine Renaissance, nachdem sie im Bereich der
Kindersprache schon früher eingesetzt hatte. In der Diachronie wird
weitgehend noch mit den traditionellen, meist der Rhetorik entstammenden
Begriffen wie Metapher und Metonymie gearbeitet, während in einer
wichtigen Richtung der Erforschung sprachlicher Ontogenese allgemeine kognitive
Prinzipien im Sinne von Slobin angewendet werden. Im Zentrum der gegenwärtigen
Phase des Projekts stehen Fragen der Polysemie, die in Fortführung
von Lehmann 1999 (Entwicklung ...) bearbeitet werden sollen.
letzte Änderung: September 2000 grkk-koord@informatik.uni-hamburg.de