Visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit


Fragestellungen und Ziele

Die visuelle Wahrnehmung bildet eine wesentliche Grundlage für kognitive Repräsentationen und Prozesse in intelligenten Agenten, die ihre Umwelt aktiv explorieren sowie in ihr aufgabengerecht und zielgeleitet navigieren als auch handeln können. Im kognitionswissenschaftlichen Kontext wird Wahrnehmung als Zusammenspiel zwischen prä-attentiven, d. h. primär datengetriebenen und attentiven, d. h. eher konzept- oder modellgesteuerten Prozessen auf angepaßten Repräsentationen verstanden, die wiederum verhaltensrelevante und/oder prozeßorientierte Aspekte der visuellen Welt kodieren.

Zur Erklärung derartiger Wahrnehmungsleistungen bedarf es eines interdisziplinären Zugangs, der vom Informationsverarbeitungsansatz geleitet ist, und der Theoriebildung und Empirie mit Modellbildung und Simulation zusammenführt. Die Kooperation zwischen Kognitionspsychologie, Psychophysik, Neurowissenschaften, (Neuro-)Informatik und Künstlicher Intelligenz verspricht durch vielfältige Herangehensweisen der Modellierung und ihrer Überprüfung an Ergebnissen aus Experimenten und Simulationen ein tieferes Verständnis prä-attentiver und attentiver Wahrnehmungsvorgänge.

Unser Forschungsrahmen berücksichtigte konnektionistisch-subsymbolische ebenso wie modularistisch-symbolische Ansätze und trug so den unterschiedlichen Theorien und Methoden der beteiligten Disziplinen Rechnung. Eine solche Koexistenz der Ansätze ist auf längere Zeit notwendig und liegt auch deswegen nahe, weil prä-attentive Phänomene oft durch parallel und attentive oft durch seriell arbeitende Mechanismen erklärt werden. Das Wechselspiel zwischen Empirie und Theorie- bzw. Modellbildung wie auch diese Koexistenzprämisse erforderte, auch methodologische Fragen des Vergleichs und der Überprüfung alternativer Modelle zu berücksichtigen.

Es standen Themen im Vordergrund, die im Spannungsfeld von prä-attentiver und zielgeleiteter, attentiver Wahrnehmung angesiedelt waren. Ein Beispiel ist die experimentelle Untersuchung und Modellierung der visuellen Suche. Zum Verständnis der Vorgänge bei der visuellen Suche spielen Phänomenen der perzeptuellen Organisation und des „pop-out“ ebenso eine Rolle wie Probleme des sog. aktiven Sehens, nämlich der selektiven Aufmerksamkeit und ihrer Funktion für die Steuerung des Blickverhaltens, aber auch Probleme der übergeordneten intentionalen Kontrolle kognitiver Prozesse und des perzeptuellen Lernens (etwa wenn man Effekte intensiven Trainings verstehen will).

Die Arbeiten wurden in den folgenden, eng miteinander verzahnten Teilprojekten durchgeführt:

Prä-attentive Prozesse: Zentral war hier die Modellierung spezieller Aspekte der visuellen Informationsverarbeitung auf der Ebene der prä-attentiven Gruppierung, insbesondere der perzeptuellen Organisation (i. S. von Gestaltgesetzen wie etwa räumliche Nähe und gute Fortsetzung), der „pop-out“-Phänomene (etwa i. S. von geschlossenen Konturen) und der visuellen Suche (i. S. etwa von langreichweiter Bindung von Reizprimitiva). Der Modellierungsrahmen setzt auf die sog. FACADE-Theorie von Grossberg und Mitarbeitern an der Boston University auf, die dem Kontext der Neuroinformatik zuzurechnen ist und zu Berechnungsarchitekturen führt, die Erkenntnisse sowohl der Psychophysik als auch der Neurowissenschaften operationalisieren.

Selektive Aufmerksamkeit: Offensichtlicherweise gelingt es dem visuellen System, die für eine ablaufende Handlung relevanten Objekte aus einer komplexen Szene herauszulösen und irrelevante zu ignorieren. Wie dies geleistet wird, ist die Kernfrage im Hinblick auf die Funktion der selektiven Aufmerksamkeit, für deren Steuerung reizgesteuerte („automatische“) Mechanismen ebenso wichtig sind wie willentliche.

Blickverhalten und -steuerung: Die Untersuchungen, die die spezifische senso-motorische Verknüpfung von „Sehen“ als Handlung bzw. Nicht-Handlung betrafen, bezogen die verschiedenen funktionell neuroanatomischen Ebenen und deren jeweilige krankhafte Defizite ein.

Intentionale Kontrolle kognitiver Prozesse und perzeptuelles Lernen: Gegenstand des Forschungsvorhabens war die intentionale Steuerung kognitiver Aktivität bei extern bedingten Änderungen von Aufgabenanforderungen; dies beinhaltete u.a die Untersuchung willentlicher Aufmerksamkeitswechsel bei der Lösung von Aufgaben sowie strategischer Prozesse bei zunehmender Vernachlässigung von aufgaben-irrelevanter Information bei der Bearbeitung komplexer Aufgaben.
 


Projekte


Doktoranden und Postdoktoranden


Siegfried Stiehl, Dirk Vorberg, Heiko Neumann, Bettina Martelli, Matthias Meyer: Prä-attentive Prozesse

Die 1991 begonnenen Forschungsarbeiten konzentrierten sich bisher auf den Entwurf und die experimentelle Validierung von Prozessen und Berechnungsarchitekturen für a) die Kontrast- und Helligkeitswahrnehmung, b) die Gruppierung von Punkt- und Linienstimuli zu geschlossenen Konturen und c) die Segmentierung von Linienkreuzungen.
Als Charakteristikum einer Berechnugns-Architektur ist die Modellbildung zu nennen für u. a.  a) retinale Ganglienzellen b) die retino-kortikale Projetkion. c) (sub-)kortikale Zellen unterschiedlicher Spezifität, als auch für d) lokale (inhibitorische) Wettbewerbs- und (exzitatorische) Kooperationsprozesse in der Sehrinde, die auf verteilten Repräsentationen von Aktivierungen wirken (siehe auch unter (a) weiter unten).
Desweiteren wurden in den Modellierungsarbeiten noch folgende Struktur-/Funktions-Prinzipien der ersten Stufen des Sehsystems von Primaten untersucht: a) retinale Abtastung und Rezeptor-Ganglienzellen-Kopplung, b) rezeptive Felder in multiple Skalen und c) okulare Dominanzstreifen.

Ein wesentlicher Untersuchungsgegenstand war die Fähigkeit, eine derartige Berechnungsarchitektur, eine stabile emergente Segmentierung von visuellen Daten zu liefern, die z. B. bekannten Gesetzmäßigkeiten der visuellen Wahrnehmung des Menschen entspricht (wie etwa den sogenannten Gestaltgesetzen der perzeptuellen Organisation). Weiterhin galt es zu untersuchen, inwieweit empirische Befunde der visuellen Psychophysik (etwa Betrachterabstand und Stimulusgröße) als auch der Neuroanatomie und der Elektrophysiologie (etwa bzgl. der Größe rezeptiver Felder) Randbedingungen setzen und so zur Gestaltung von Simulationen bzw. zur Parametrierung derartiger Modelle herangezogen werden können.

In diesem Zusammenhang wurden auch Probleme der Formalisierbarkeit, Modellierung, Implementierung und der experimentellen Simulation untersucht, wobei die folgenden Aspekte der visuellen Wahrnehmung im Vordergrund standen: primäres Sehen und perzeptuelle Organisation, Repräsentation von raum-zeitlichen Stimuli, Emergenz von Figur-Hintergrund-Konturen, „pop-out“ und visuelle Suche.

Zum zweiten wurden (projektübergreifend im Schwerpunkt) Fragen behandelt, die im Rahmen des experimentellen Vorgehens mit einem wohldefinierten „testbed“, etwa in Form eines rechnergestützten Perzeptionslabors, in Zusammenhang standen:
a) Gestaltung eines mono-/binokularen CCD-Kamerasystems mit notwendigen experimentellen Freiheitsgraden, z. B. bzgl. der Simulation von Augen- und Blickbewegungen,
b) Gestaltung von (Rechner-)Simulationen und (Psychophysik-)Experimenten auch im Zusammenwirken mit a), u. a. um eine hohe Vergleichbarkeit der Simulations- und Expe-ri-mentalergebnisse (jeweils aus den verschiedenen Disziplinen) erreichen zu können, und
c) Gestaltung von experimentellen Untersuchungen bzgl. Augen- und Blickbewegungen mit geeigneten Aufzeichnungsgeräten, um reizabhängige und kognitive Strategien der visuellen Exploration von gezielt gestalteten Stimuli zu analysieren.

Außerdem mußte wegen der oben bereits genannten Koexistenzprämisse die Frage behandelt werden, in welchem theoretischen und methodischen Rahmen kognitionswissenschaftliche Modelle verschiedenster Ausprägung, d. h. z. B. symbolisch versus konnektionistisch, für den gleichen Phänomenbereich bzgl. ihrer Beschreibungs-, Erklärungs- und Prädiktionskraft verglichen und aufeinander bezogen werden können.


Steffen Egner, Christian Freksa, Armin Heinecke, Jens Schwarzbach, Siegfried Stiehl, Dirk Vorberg, Wolfgang Zangemeister: Selektive Aufmerksamkeit

Die Arbeiten im Projekt „Selektive Aufmerksamkeit“ umfassten (a) experimentelle Untersuchungen der Dynamik willentlicher Aufmerksamkeitswechsel und dem Zusammenwirken von willentlichen und unwillkürlichen Mechanismen der Aufmerksamkeitssteuerung, (b) die Analyse von willentlichen und unwillkürlichen Aufmerksamkeitsphänomenen durch die Simulation mit neuronalen Netzwerken und durch die experimentelle Überprüfung stochastischer Reaktionszeitmodelle.

Experimentelle Untersuchungen. Wir können Aufmerksamkeit gezielt auf Objekte lenken; auch die globale Gestalt eines Objektes läßt sich herausheben, oder etwa seine lokalen Details. Was geschieht bei solchen willentlichen Aufmerksamkeitswechseln zwischen Objekten, oder zwischen globalen und lokalen Merkmalen desselben Objektes? Mit von uns entwickelten experimentellen Techniken läßt sich der Zeitbedarf für Aufmerksamkeitswechsel messen. Bisher haben wir damit willentliche Aufmerksamkeitswechsel sowohl zwischen Objekten wie zwischen Reizebenen untersucht; im Vordergrund standen Fragen nach der Rolle der visuellen Objektmerkmale und der von räumlichen und zeitlichen Beziehungen zwischen benachbarten Objekten.
Es zeigte sich, daß willentliche Aufmerksamkeitswechsel beträchtliche Zeit erfordern, ca. 150 bis 300 ms. Das gilt allerdings nur dann, wenn die Aufgabe tatsächliche visuelle Selektion – etwa die Identifikation eines von zwei präsenten Objekten – verlangt, nicht jedoch, wenn lediglich die positionale oder größenmäßige Voreinstellung verändert werden muß, um ein einzelnes Objekt zu erkennen. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit neurophysiologischen Befunden, nach denen z. B. die Aktivität von V4-Neuronen nur dann aufmerksamkeitsmoduliert wird, wenn mehrere konkurrierende Objekte in ihr rezeptives Feld fallen.
Größenunterschiede zwischen lokalen und globalen Objektmerkmalen erwiesen sich für den Zeitbedarf als kritisch, nicht jedoch die hierarchische Struktur des Objekts. Dieses Resultat legt ebenso wie der stets auftretende Richtungseffekt – Aufmerksamkeitswechsel von kleinen Objekten zu großen sind 50 bis 100 ms langsamer als umgekehrt – nahe, daß die beteiligten Aufmerksamkeitsmechanismen auf relativ ‘frühen’ visuellen, und nicht auf abstrakten Objektrepräsentationen arbeiten.
Diese Ergebnisse setzen Randbedingungen für Theorien der Aufmerksamkeit. Dafür waren eine Reihe von Fragen experimentell zu klären, vor allem solche nach dem Einfluß von dynamischen Reizfaktoren und dem Zusammenwirken von willentlichen und unwillkürlichen Mechanismen der Aufmerksamkeitssteuerung.

Theoretische Arbeiten. Viele der genannten Ergebnisse lassen sich durch das von R. Goebel entwickelte (und von Egner erweiterte) Netzwerkmodell zur Erkennung zweidimensionaler Objekte verstehen, bei der räumliche und objektbasierte Aufmerksamkeitsmechanismen eine wesentliche Rolle spielen.
Räumliche Aufmerksamkeit ist als Scheinwerfer implementiert, der die visuelle Information festlegt, die bevorzugt verarbeitet wird; der fokussierte Bereich ist das Resultat systembedingter („willentlicher“) und reizbedingter („unwillkürlicher“) Einflüsse. Wie in den verwandten Modellen von Olshausen, Anderson und van Essen, van Essen, Anderson & Olshausen und Tsotsos modifizieren Größe und Lage des Scheinwerfers den Weg dynamisch, auf dem elementare Merkmalsrepräsentationen zu höheren Verarbeitungsstufen gelangen und zu größen- und lageinvarianten Objektrepräsentation führen.
Räumliche Selektion stößt auf Schwierigkeiten, wenn sich Objekte überlappen. In Goebels Modell besteht die Lösung darin, Merkmale durch wechselseitige Interaktionen zu „Gestalten“ (Objektkandidaten) zu binden. Dazu werden elementare Merkmale durch laterale Gewichtsmuster in phasen-synchrone bzw. phasen-versetzte Oszillation gebracht; der objektbasierte Aufmerksamkeitsmechanismus wählt einen der synchron oszillierenden Objektkandidaten aus.
Simulationsstudien haben gezeigt, daß das Goebelsche Modell zahlreiche Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsaufgaben lösen kann, in guter Übereinstimmung mit empirischen Befunden steht und daß sich mit ihm auch Aufmerksamkeitsstörungen wie Neglekt modellieren lassen. Ziel des Projektes war, weitere qualitative Vorhersagen des Modells abzuleiten und experimentell zu überprüfen. Für die statistische Analyse von Reaktionszeitdaten sind Netzwerksimulationen weniger geeignet. Deshalb haben wir auch eine Klasse stochastischer Modelle interagierender paralleler Kanäle entwickelt, für die sich quantitative Vorhersagen ableiten und empirisch überprüfen lassen.


Armin Heinecke, Jens Schwarzbach, Dirk Vorberg: Interaktion von willentlichen und unwillkürlichen Aufmerksamkeitsmechanismen

Wenn Aufmerksamkeitsablösen (`disengagement', siehe z. B. Posner & Petersen 1990) von einem gerade beachteten Objekt eine Voraussetzung für den Wechsel zu einem anderen Objekt darstellt, sollten dynamische Reizaspekte den Zeitbedarf dafür entscheidend beeinflussen. Bisherige Arbeiten zeigen, daß dies tatsächlich der Fall ist: Verschwindet das beachtete Objekt oder taucht das Zielobjekt erst auf, wenn der Wechsel initiert wird, beschleunigt sich der Aufmerksamkeitswechsel dramatisch (Vorberg 1994). Es sind Experimente in Vorbereitung, in denen Reaktionszeiten auf zeitversetzt dargebotene Reizen gemessen werden. Solche sog. SOA-Funktionen geben Aufschluß über die Dynamik der beteiligten Mechanismen; sie sollen die Grundlage für entsprechende quantitative Modellierungen bilden.

Dafür ist die Antwort auf die Frage entscheidend, wie die Aufmerksamkeitsselektion letztlich bewirkt wird: durch Förderung selegierter oder durch Hemmung nichtselegierter Information? In unveröffentlichten Experimenten konnten wir qualitativ unterschiedliche Zeitverläufe für Aufmerksamkeitswechsel zwischen semantisch verwandten und unverwandten visuellen Objekten (identische oder verschiedene Buchstaben) nachweisen, die die Vermutung nahelegen, daß vor dem Wechsel die Repräsentation des gerade beachteten Objekts aktiv inhibiert wird. Derzeit laufen vorbereitende Experimente, die von dieser Hypothese ausgehen. Sie sollen eine Trennung in Bahnungs- und Hemmungseffekte ermöglichen und die Beziehung unserer Ergebnisse zum `negative priming'- Phänomen (Allport, Tipper, & Chmiel 1985) untersuchen.

Die Größenordnung des Zeitbedarfs für willentliche Aufmerksamkeitswechsel, den wir aus Reaktionszeiten schätzen, stimmt unerwartet gut mit Ergebnissen aus Paradigmen mit Genauigkeitsanforderungen überein wie der `attentional dwell-time'-Anordnung (Duncan, Ward, & Shapiro 1994) und der `rapid serial visual presentation' (Maki & Padmanabhan 1994). Der Vergleich der Ergebnisse dieser verschiedenen Forschungsansätze läßt vermuten, daß diese Übereinstimmung nur dann auftritt, wenn symbolische Reizmerkmale - wie in unseren bisherigen Untersuchungen - signalisieren, daß ein Wechsel erforderlich ist, nicht jedoch bei präattentiven Reizmerkmalen. Diese Hypothese soll experimentell im Umschalt- wie im attentional dwell-time-Paradigma überprüft werden.


Steffen Egner, Armin Heinecke, Dirk Vorberg: Aufmerksamkeit und mentale Transformationen

Welche Rolle spielt die selektive Aufmerksamkeit für lage- und größeninvariante Objekterkennung? Simulationsstudien des Modells von Goebel (1995) sollen dazu benutzt werden, um Vorhersagen über den Zeitbedarf und das Blickverhalten beim Finden und Identifizieren Zielobjekten in visuellen Szene zu generieren, die in Experimenten mit Reaktionszeitmessung und Blickregistrierung überprüft werden.

 Ziel des Projekts ist es, die - neuerdings auch kritisch beurteilte - Scheinwerfer-Konzeption der selektiven Aufmerksamkeit zu analysieren und sie neurobiologischen Vorstellungen gegenüberzustellen, die Aufmerksamkeitsphänomene lediglich durch `biased competition'-Mechanismen zu erklären versuchen (z. B. Desimone und Duncan 1995).


Schwarzbach, Vorberg, Zangemeister: Blickverhalten und -steuerung

Die lfd. Untersuchungen und Projekte sind generell zwischen sechs Punkten ausgespannt, die die spezifische senso-motorische Verknüpfung von "Sehen" als Handlung bzw. Nicht-Handlung repräsentieren und damit auch die verschiedenen funktionell neuroanatomischen Ebenen und derenjeweilige krankhafte Defizite reflektieren. Ebenen in diesem Sinne sind "higher levels", i.e. - SC, colliculus superior (Reflexsakkaden, Expreß-Sakkaden; Triggering des SC von FEF und PEF) - SEF, supplemertary eye fields (eye motor programs) - PFC, prefrontal cortex (prediction, spatial memory; SC-inhibition; vestibular information) - FEF, frontal eye fields (intentional visual exploration; central fixation) - PEF, parietal eye fields (visual attention; visuo-spatial integration; reflexive visual exploration) - OC, visueller Primärcortex (visuelle Basisinformation).

Untersuchungen wurden und werden an der Neurologischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und am Psychologisches Institut der Technischen Universität Braunschweig, zu den folgenden Fragestellungen durchgeführt:

Bei der quantitativen Modellierung von Suchzeiten wird oft übersehen, daß serielle Suche zu einem nicht-linearen Anstieg des Zeitbedarfs mit der Anzahl der Ablenker führt, außer wenn Gedächtnismechanismen dafür sorgen, daß alle Objekte höchstens einmal geprüft werden (Vorberg & Ulrich 1987): sogenanntes `inhibition of return' (Klein 1988). Unser Projekt untersucht und modelliert Gedächtnismechanismen bei der visuellen Suche. Unser methodischer Zugang besteht in (a) der Registrierung des Blickverhaltens während der Suche und (b) der dynamischen, fixationskontingenten Darbietung der Suchreize. Die Analyse der Suchpfade (`scan-paths') ergibt Aufschluß über die Gesetzmäßigkeiten, nach denen visuelle Szenen abgesucht werden. Die Ergebnisse dieser Experimente sollen dazu dienen, die Inhibierungsannahmen in den Modellen von Goebel (1995), Olshausen et al. (1993), van Essen et al. (1994) und Tsotsos (1995) experimentell zu prüfen und ggfs. zu modifizieren.


Hilde Haider: Informationsreduktion

Gegenstand meines derzeitigen Forschungsvorhabens sind Möglichkeiten der Aufgabenvereinfachung beim Erwerb kognitiver Fertigkeiten. In verschiedenen Experimenten konnten wir zeigen, daß Menschen lernen, zwischen aufgaben-relevanter und aufgaben-irrelevanter Information zu unterscheiden und die aufgaben-irrelevante Information bei der Aufgabenbearbeitung zunehmend zu vernachlässigen (Haider & Frensch, 1996). Es kann deshalb angenommen werden, daß Menschen mit zunehmender Übung lernen, ihre Aufmerksamkeit auf spezifische Aspekte des Stimulusmaterials zu richten und diese mit höherer Priorität zu verarbeiten. Aufgrund vorliegender empirischer Befunde kann angenommen werden, daß zumindest bei dem von uns benutzten komplexeren Material strategische Prozesse eine Rolle spielen (Haider & Frensch, 1999). Unklar ist bislang jedoch, ob bei weniger komplexem Reizmaterial vergleichbare Prozesse die zeitlichen Kosten bedingen, die sich ergeben, wenn die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Objekte gerichtet werden muß (attention switch) oder wenn zwischen verschiedenen Aufgabenstellungen gewechselt werden muß (task set shift). Hier ist angestrebt, der Frage nach Veränderungen der zeitlichen Kosten mit zunehmender Übung nachzugehen.


Rainer Kluwe und Hilde Haider: Intentionale Kontrolle und Steuerung kognitiver Aktivität

Gegenstand des Forschungsvorhabens ist die intentionale Steuerung kognitiver Aktivität bei extern bedingten Änderungen von Aufgabenanforderungen. Das Ziel der bislang hierzu vorliegenden Experimente war es, Faktoren zu identifizieren, die den Aufwand bei der Umstellung des kognitiven Systems auf neue Anforderungen bedingen. Die wesentlichen Befunde der durchgeführten Untersuchungen waren folgende: (1) Die 1994 von Allport et al. berichteten Ergebnisse ließen sich nicht replizieren. Die erhaltenen Ergebnisse waren nicht geeignet, die Annahme einer zentralen steuernden Instanz im Sinne von Allport et al. (1994) zurückzuweisen. (2) Eine Antizipation der Folgeaufgabe erlaubte vorbereitende Verarbeitung und beeinflußte so die Wechselkosten bei der Umstellung: (a) Nicht antizipierte, erwartungswidrige Aufgaben resultierten in erhöhten Kosten; (b) Antizipation von Aufgaben auf der Basis von Regelhaftigkeit der Abfolge führte zu einer Reduktion der Wechselkosten; (c) Zusätzliche, explizite Instruktionen über die Regelhaftigkeit der Aufgabenfolge, führte nur zu geringfügiger Reduktion der Wechselkosten. (3) Die Etablierung eines Aufgabenzieles, ohne Bearbeitung einer Aufgabe hatte unterschiedliche Effekte auf die Wiederholung und auf den Wechsel von Aufgaben. Für den Aufwand beim Aufgabenwechsel war es nicht unerheblich, ob davor eine Aufgabe bearbeitet wurde, oder ob lediglich die Absicht zur Bearbeitung etabliert wurde. (4) Die Analyse der Effekte von unterschiedlich informationshaltigen Cues lieferte zwei zentrale Befunde: (a) Das Ausmaß an vorab verfügbarer Information über die nächste Aufgabe beeinflußte die Effizienz vorbereitender Umstellung und damit den Residualaufwand beim Aufgabenwechsel. (b) Die Länge des Zeitintervalls bis zur Stimuluspräsentation beeinflußte das Ausmaß der Nutzung vorab verfügbarer Information für die Umstellung. Der Prozeß der Umstellung (´Rekonfigurierung´, Rogers & Monsell, 1995) umfaßt vermutlich zwei Prozeßkomponenten: eine aktivierende und eine inhibitorische Prozeßkomponente. Beide können unter bestimmten Bedingungen vorbereitend initiiert werden. Insgesamt liefern die bislang vorliegenden experimentellen Befunde Evidenz dafür, daß die Umstellung des kognitiven Systems auf neue Anforderungen inhibitorische und aktivierende Prozeßanteile umfaßt. Ziel der gegenwärtigen Arbeiten ist es, diese Prozeßanteile in ihren Effekten auf die präparatorischen Aktivitäten genauer zu analysieren.


Bärbel Mertsching: Aktive Sehsysteme

Die Forschungsarbeiten der AG IMA konzentrieren sich seit ihrer Gründung Mitte 1994 auf die Entwicklung Aktiver Sehsysteme. Die perzeptiven und kognitiven Wahrnehmungsleistungen biologischer Systeme motivieren eine intensive Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden signal- und informationsverarbeitenden Prozessen mit dem Ziel, diese mit geeigneten neuronalen Netzwerken zu modellieren, um sie anschließend in technischen Bildanalysesystemen einzusetzen. Speziell für Aktive Sehsysteme, die sich durch ihre Fähigkeit auszeichnen, ihre Umgebung selbständig zu explorieren, Informationen zu sammeln, die für ihre derzeitige Aufgabe relevant sein könnten, und flexibel auf unerwartete Ereignisse zu reagieren, wird nach an der Biologie orientierten Architekturen gesucht, die derartige Prozesse nachbilden. Empirische Wissenschaften liefern dabei Hinweise zu den beobachtbaren Leistungen (Psychophysik) und zu Aufbau und Funktion des Gehirns (Neurowissenschaften).




letzte Änderung: September 2000  grkk-koord@informatik.uni-hamburg.de