Erwerb, Repräsentation und Nutzung von Wissen |
Der Begriff Wissen umfaßt dabei nicht nur statische Begriffsmerkmalsstrukturen, sondern auch Wissen über Ursachen und Wirkungen, algorithmische Fertigkeiten sowie heuristisches Wissen. Er umfaßt damit sowohl mitteilbares Wissen über Sachverhalte als auch nicht verbalisierbares Wissen, etwa in Form von Prozeduren (vgl. auch die Unterscheidung deklarativen und prozeduralen Wissens).
Theoretische und experimentelle Untersuchungen sollen die Prüfungen und den Vergleich von Modellen zum Ziel haben sowie zur Entwicklung von Modellen in diesem Schwerpunkt einen Beitrag liefern.
Im Mittelpunkt stehen Analysen wissenschaftlicher Entdeckungsprozesse. Durch die Rekonstruktion bedeutender wissenschaftlicher Entdeckungen soll gezeigt werden, daß eine Beschreibung und Erklärung kreativer Problemlöseprozesse ohne den üblichen Bezug auf nicht weiter analysierbare intuitive Einsichten möglich ist. Das Ziel des Vorhabens ist die Modellierung historischer Fallstudien und der Nachweis von Entdeckungsmethodologien. In diesem Zusammenhang spielen Wissensvoraussetzungen für Problemlöseprozesse, die Nutzung von verfügbarem Wissen für Problemlöseziele sowie Prozesse der Generierung von Wissen, z. B. die Entdeckung von Kausalzusammenhängen eine zentrale Rolle. Dies sind zugleich die verknüpfenden Elemente zwischen den verschiedenen philosophischen und kognitionspsychologischen Vorhaben des Schwerpunkts.
Spezifischere, v. a. experimentelle Analysen gelten Fragestellungen, die sich im Kontext menschlicher Problemlöseprozesse ergeben: (a) Fragestellungen bezüglich der internen Repräsentation von Problemsituationen: Wie wirkt sich die interne Repräsentation von Problemstellungen auf die Lösungssuche aus? Lassen sich plötzliche Einsichten auf veränderte Repräsentationen zurückführen? (b) Fragestellungen bezüglich der Lernprozesse bei wiederholter Bearbeitung von Problemen: Welches Wissen wird erworben? Welches Wissen wird genutzt? Welche kognitiven Fertigkeiten werden ausgebildet? Wie verändert sich die Kodierung und Verarbeitung der Problemsituation?
Allen Vorhaben gemeinsam sind wichtige methodologische Probleme, die
selbst wieder Gegenstand theoretischer und experimenteller Analysen sind:
(a) Methoden der Analyse menschlichen Wissens; dies schließt auch
die Auseinandersetzung mit der Problematik der Verbalisierbarkeit von Wissen
ein. (b) Methoden der Modellentwicklung und Modellprüfung; dies schließt
u. a. die Auseinandersetzung mit der Nutzung empirischer Einzelfallanalysen
für die Konstruktion von Modellen menschlichen Problemlöseverhaltens
ein.
Wir haben ein weites Spektrum wissenschaftshistorischer Fälle untersucht. Obwohl die konkreten Problemstellungen und die disziplinspezifischen Methoden stark divergieren, zeichnet sich ein (von uns zunächst nicht erwarteter) gemeinsamer Bestand methodischer Prinzipien ab, der allgemeine Modellbildungsheuristiken sowie Regeln zur Generierung und Bewertung von Kausalhypothesen umfaßt.
Die Elemente, die für die Modellierung einer Entdeckungsgeschichte relevant sind, werden zu einem Epistemischen System zusammengefaßt. Ein solches System ist ein dynamisches Modell einer wissenschaftlichen Entdeckung. Es umfaßt Inferenzprinzipien, Handlungsanweisungen, verschiedene Typen propositionaler Einstellungen, Handlungen und Sachverhalte. Welche Elemente für die Modellierung eines historischen Falles relevant sind, wird nicht apriori, sondern durch die Rekonstruktion der Entdeckungsgeschichte entschieden.
Um die Wechselwirkungen eines solchen hochkomplexen Beziehungsgeflechts erfassen zu können, wird das Verhalten des Epistemischen Systems auf einem Computer modelliert. Für die Computermodellierung von Forschungsprozessen wurde in der Arbeitsgruppe die auf PROLOG aufbauende Programmiersprache EPILOG entwickelt, die zur Wissensrepräsentation und -verarbeitung dient (Graßhoff 1992). Hiermit ist es möglich, das komplexe Zusammenspiel der kognitiven Komponenten wie propositionale Einstellungen und methodisches Wissen zu untersuchen.
Es konnte gezeigt werden, daß Wissenserwerb und -nutzung mit erheblichen interindividuellen Unterschieden einhergehen. Die Art und Umfang des erworbenen Wissens steht vermutlich mit den individuellen Zielsetzungen bezüglich der Problemlöseleistung in Zusammenhang. Ferner zeigt sich, daß durch Instruktion vermitteltes Wissen in sehr unterschiedlicher Weise für Problemlöseprozesse genutzt wird. Es gibt Problemlöser, die sofort in der Lage sind, nach Lernen durch Instruktion deklaratives Wissen für Problemlöseprozesse zu nutzen. Daneben gibt es Problemlöser, die solches Wissen erst nach und nach anzuwenden und zu nutzen lernen. Damit zusammenhängende Fragestellungen bedürfen der weiteren empirischen Analyse.
Von besonderer Bedeutung ist das Konzept der Reichweite von Wissen: Es wird angenommen, daß bezogen auf den gleichen Realitätsbereich unterschiedliche Lernprozesse (Lernen durch Instruktion, Lernen durch Beobachtung, Lernen an Beispielen) zu qualitativ unterschiedlichem Wissen über einen Realitätsbereich führen. Als Folge davon unterscheidet sich auch das Spektrum an Problemstellungen, welches von einem Lerner in einem Realitätsbereich bewältigt werden kann. Dieser Zusammenhang zwischen Lernformen, Wissenserwerb und Problemlöseleistungen soll weiter und genauer untersucht werden.
Ein weiterer Arbeitsbereich dieses Projekts betrifft methodologische Fragen. Es geht dabei um die Durchführung von Einzelfalluntersuchungen und um die Analyse daraus erhaltener Verbal-, Verhaltens- und Leistungsdaten. Die Bedeutung von Einzelfallstudien liegt v. a. in ihrer Verknüpfung mit der Entwicklung von Modellen menschlichen Problemlösens. Generell zeigt sich, daß es Defizite in der kognitionspsychologischen Problemlöseforschung hinsichtlich der Nutzung von Einzelfalluntersuchungen für die Modellkonstruktion gibt; ein weiteres methodisches Problem besteht in der Evaluation von Modellen menschlicher Problemlöseprozesse.
Es sollen Ansätze weiterverfolgt werden, die in den letzten Jahren unter dem Begriff "Kognitive Theorie des Bewußtseins" (z. B. Baars 1988; Perrig & Perrig-Chiello 1993; Gadenne, 1996) vorgestellt worden sind. Dabei geht es theoretisch auch um eine Verbindung der Modelle des Konnektionismus und der Symbolverarbeitung, die keineswegs als Gegensätze angesehen werden müssen. Experimentell besteht hier vor allem Interesse an automatisierten Prozessen und an Einsichtsprozessen, zu denen hier bereits gearbeitet wurde, sowie um das Phänomen des "tip of the tongue". Insgesamt geht es darum, Verfahren zu finden, mit denen man auch Spuren solcher Prozesse der Wissensverarbeitung erkennen kann, die nicht verbalisierbar sind.
|
|
Graduiertenkolleg Kognitionswissenschaft
Universität Hamburg Vogt-Kölln-Str. 30 D-22527 Hamburg |
Tel.: 040 / 42883 2384
Fax: 040 / 42883 2385 e-mail: grkk-koord@informatik.uni-hamburg.de |