MIN-Fakultät
Fachbereich Informatik

Informatisches Kolloquium Wintersemester 2009/2010

Montag, 26. Oktober 2009
um 17 Uhr c.t.
Vogt-Kölln-Straße 30
Konrad-Zuse-Hörsaal
Gebäude B

Identität und Gesellschaft. Identitätsbildung und Privatsphäre in sozialen Netzwerken

Prof. Hendrik Speck
Fachhochschule Kaiserslautern
University of Applied Sciences

Identität, die Ausbildung unseres Ich, bezeichnet Kennzeichen und das uns als Individuum, Singuläre, Unterscheidende. In Form von Merkmalen, Attributen und Beziehungen, an der Grenzschicht von Privatsphäre und Öffentlichkeit, erlaubt dies eineindeutige Erfassungen, Identifizierungen, Zuordnungen, und Bewertungen. Im Ergebnis entstehen Verhaltensmuster, Vorurteile, Stereotypen und Soziale Erwartungshaltungen, die unsere Position, Rolle und Interaktion innerhalb von Freunden, Familien, Gruppen und Gemeinschaften definieren.

Grundsätzlich gilt dies auch für soziale Netzwerke: Die Nutzung von Namen, Eigenschaften, Sozialen Kategorien und Gruppierungen, von Inhalten, Daten und Links sozusagen, geschieht nicht im luftleeren Raum. Es handelt sich nicht um ein Gruppentreffen der Autisten: das projektierte Ich trifft auf die Bewertungen des Anderen und bestimmt unsere Identität, unsere Beziehung von Ich und Wir, mittlerweile in vergleichbarem Umfang, wie die verbliebenen Restkontakte mit unserer realen Welt.

Auch ohne Hinterfragung des Realen stellen sich grundlegende Fragen, die mehr als nur mit politischem (Re)Aktionismus untersetzt werden wollen. Es stellen sich grundsätzliche Fragen nach dem strukturellen Aufbau vermeintlich sozialer Systeme; nach den Erfassungsmöglichkeiten technokratischer Systeme; nach den Ausübungsrechten von Informationeller Selbstbestimmung und Privatsphäre; nach den Kontrollverlusten von Identität und Datenhoheit; nach Datenpolitik und Datenethik und nicht zuletzt nach dem Spannungsfeld von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Ein Betrachten dieser komplexen Regelkreisläufe und ihrer inhärenten Systemträgheit beim Reagieren auf strukturelle Veränderungen ließ bisher Gesellschaft und Politik hinter technologischen Evolutionen hinterherhinken - umso größere Freiflächen und Herausforderungen existieren für Wissenschaft und Technik. Es geht dabei um mehr als nur Datenschutz und Privacy: Gerade im Umfeld des fürsorglichen Überwachungsstaates, der sich wie auf Perlen aufschnürenden Datenpannen, der immer lockender erscheinenden Angebote zur Datenprostitution, des offensichtlichen Kompetenzverlustes politischer Entscheidungsebenen, beinhaltet dies auch, die Übernahme der geistig moralischen Führerschaft durch Informatiker und Kommunikationswissenschaftler, und die konsequente Unterstützung von geeigneten Konzepten, Technologien und Maßnahmen.

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. Norbert Ritter
E-Mail:
Telefon +49 40 428 83 2419