Vom Bärendienst Jochen Schimmang Keine andere Organisation ist so vielen Missverständnissen und Vorurteilen ausgesetzt wie der Bärendienst. Seit La Fontaines unseliger Fabel vom Bären und dem Gartenliebhaber ist die Leistung eines Bärendienstes gleichbedeutend mit nicht nur unerwünschter, sondern sogar Unglück stiftender Hilfe. Kaum jemand weiss, dass die hochkomplexe moderne Bärengesellschaft ohne die schrittweise Einrichtung und Erweiterung des Bärendienstes längst nicht mehr funktionsfähig sein würde. Der Bärendienst wurde in etwa zur gleichen Zeit wie das Rote Kreuz gegründet. Anfangs beschränkten sich seine Aktivitäten auf das Gebirge, wo in den Bergen verschollene Bären durch speziell dafür ausgebildete Helfer, die sogenannten "Bärhardiner", aus höchster Not gerettet wurden. Zur Grundausstattung bei diesen Rettungsaktionen gehörte ein kleines Fass mit Honig, dessen Inhalt den Opfern als erste lebensrettende Maßnahme eingeträufelt wurde. Nur zwei Jahrzehnte später wurde das Betätigungsfeld des Bärendienstes auch auf das Flachland, speziell den Küstenbereich ausgedehnt. Mit der Entwicklung des Badetourismus von einem Privileg weniger reicher Bären zu einem wohlfeilen Massenvergnügen gerieten immer mehr Bären und Bärinnen bei waghalsigen Schwimmmanövern in Lebensgefahr und wurden oft genug durch bestens geschulte "Seebären" vor dem sicheren Tod bewahrt. Mit wenigen kraftvollen Bewegungen schwamm der Seebär zur gefährlichen Stelle, nahm die nach Luft japsende Bärin in den Schlepptau, zog sie an Land und begann dort sofort mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Entwicklung des Skitourismus und die sprunghaft ansteigenden Unfälle machten die Entwicklung eines neuen Berufsbildes nötig. Den schwer gestürzten Skiläufern, die jammernd mit ihren Tatzen das gebrochene Bein umklammerten, eilte der sogenannte "Schiebär" zu Hilfe, dessen Ruf allerdings bald nicht der beste war, galt er doch nach Feierabend als ausgesprochener Draufgänger bei der nachmittags geretteten Bärin. Du kannst morgen sowieso nicht wieder auf die Piste, war sein Standardspruch, mit dem er den tröstlichen Hinweis einleitete, dass es auch noch andere schöne Dinge im Leben gibt. "Schiebär" wurde so mehr und mehr zu einem Schimpfwort, das an den ursprünglichen Bereich des Skilaufens nicht mehr gekoppelt war und in ganz anderen Zusammenhängen auftauchte: auf dem Fußballplatz, im Bankengewerbe und auf dem Schwarzbärmarkt. Einen ausgesprochen guten Ruf haben dagegen jene Angehörigen des Bärendienstes, die triebregulierend darüber wachen, dass nicht ein unbefugter Bär der Bärin an den Bären geht. Anfangs noch mit der etwas umständlichen Bezeichnung "Übär-Ich" gekennzeichnet, spielte sich im Volksmund bald die Bezeichnung "Wachbär" ein, durch die zweite mittelrheinische Lautverschiebung auf oft "Waschbär" genannt. Wachbären erfüllen in einer Zeit zunehmend notwendig gewordenen Triebverzichts eine zivilisatorisch sehr wichtige Funktion und werden entsprechend hoch bezahlt. Immer wieder wird allerdings von Fällen berichtet, in denen sie den Versuchungen, in die ihre Position sie bringt, nicht widerstehen können, dann nämlich, wenn die bewachte Bärin mit dem schon klassisch gewordenen Zweizeiler lockt: Hör einmal, mein Liebär, komm doch einmal rübär! Dann wird doch der eine oder andere Wachbär am Ende schwach. Hinterher kommt ein echter Waschbär und macht alles wieder saubär. Aus: Das Bärenbuch herausgegeben von Julia Bachstein Schöffling & Co., Frankfurt 1994