ConcEv – CONCEPTUALIZING EVENTS
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Konzeptualisierungsprozesse in der Sprachproduktion

1. Sprachproduktion und Konzeptualisierung: Forschungsstand

Sprachverstehen und Sprachproduktion, die beiden umfassenden Prozesse der Sprachverarbeitung, können aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive als Prozesse angesehen werden, bei denen eine Zuordnung zwischen sprachlichen Ausdrücken, etwa Sätzen oder Diskursen, und internen, mentalen Repräsentationen hergestellt wird. Diese Repräsentationen korrespondieren zum Konzept der Bedeutungen, wie es in der theoretischen Linguistik und Sprachphilosophie verwendet wird. Theoriespezifische Ausprägungen mentaler Repräsen-tationen sind etwa "propositionale Repräsentationen" (McKoon und Ratcliff, 1992), "mentale Modelle" (Johnson-Laird, 1983; Glenberg et al., 1987) oder "Situations-modelle" (Perrig & Kintsch, 1985; Morrow et al., 1987). Auch in der Künstlichen Intelligenz Forschung und in der Computer-linguistik findet sich eine entsprechende Sichtweise: Verstehen wird hier als die Berechnung einer semantischen Repräsentation (häufig im Format logischer Repräsentationssysteme) und Produzieren (in der KI-Terminologie meist als Generieren bezeichnet) als der Aufbau sprach-licher Ausdrücke aus Wissens- und Diskurs-strukturen angesehen (vgl. Palmer et al1993; Hovy, 1993).
In bezug auf Inhalt und Struktur der mentalen Repräsentationen in Sprachverarbeitungsprozessen lassen sich zwei Arten unterscheiden. Auf der einen Seite handelt es sich um propositionale Textinhalts- oder Bedeutungsrepräsentationen, die sprachlichen Ausdrücken strukturähnlich sind und die Wahrheitsbedingungen widerspiegeln. Auf der anderen Seite nimmt man Sachverhaltsrepräsentationen an, die den dargestellten Sachverhalt repräsentieren und diesem strukturähnlich sind (vgl. hierzu Habel, 1996; Kelter et al., im Ersch.; Kaup et al., im Ersch.). Sachverhaltsrepräsentationen in der Sprachverarbeitung sind von derselben Art wie mentale Repräsentationen, die bei der Wahrnehmung, während der Erinnerung oder beim Denken verwendet werden (vgl. Johnson-Laird, 1983). Der Beobachtung von Strukturähnlichkeit zwischen Repräsentation und der repräsentierten Situation kann insbesondere durch hybride Repräsentationssysteme Rechnung getragen werden, die u.a. propositionale und räumliche Repräsentationen, aber auch solche anderer Modalitäten, integrieren (vgl. Landau & Jackendoff, 1993; Glasgow & Papadias, 1992; Habel et al., 1995; Habel, 1996).
Während bei Verstehensprozessen der Aufbau von Sachverhaltsrepräsentationen in Ergänzung zu Bedeutungsrepräsentationen entbehrlich erscheinen kann, ist für die Sprachproduktion (außer bei einfachen Nacherzählungen) anzunehmen, daß der Aufbau sprachlicher Strukturen aus Sachverhaltsrepräsentationen erfolgt (Levelt, 1989). Nur auf diese Weise ist eine Fundierung der sprachlichen Äußerung in der Erfahrung der Umwelt möglich. Sprachproduktion wird dementsprechend in der Literatur generell als ein wissensbasierter Planungsprozeß aufgefaßt. Er beinhaltet die Überführung von Sachverhaltsrepräsentationen über eine Zwischenstufe propositionaler Repräsentationen in grammatische Repräsentationen mit einer abschließenden lautsprachlichen Realisierung. Der derzeit elaborierteste Modellentwurf wurde in Levelt (1989) vorgelegt. Für ein kognitiv-linguistisch fundiertes Forschungsvorhaben zu Aspekten der Sprachproduktion bietet sich Levelts globaler Ansatz als Ausgangsmodell an. Innerhalb seiner restriktiven Vorgaben lassen sich Theorien entwickeln, die sich durch empirische Überprüfung ihrer Vorhersagen auf ihre Erklärungskraft hin testen lassen. Bei Levelt wird ein von der Inhaltsplanung bis zur lautsprachlichen Realisierung reichendes Prozeßmodell entwickelt. Der Gesamtprozeß ergibt sich durch das Zusammenwirken von drei Systemkomponenten, die jeweils für wohldefinierte Prozeßphasen zuständig sind. Die Konzeptualisierungskomponente ("conceptualizer" in Levelts Terminologie; im weiteren kurz "Konzeptualisierer") nimmt, ausgehend von einer konzeptuellen Wissensbasis, die Inhaltsplanung vor und erzeugt eine vorsprachliche konzeptuelle Struktur ("preverbal message"), die den zu versprachlichenden Inhalt repräsentiert. Die Formulierungskomponente ("formulator") erzeugt aus dieser Eingabe eine Anweisung an die Artikulationskomponente ("articulator") zur lautsprachlichen Umsetzung.
Levelts Modell zeichnet sich durch eine hochgradige Restriktivität aus, die im Detail durch Resultate der bisherigen Forschung belegt wird. Die Prozeßkomponenten sind modular angeordnet. Sie können nur die Daten verarbeiten, die sie von der unmittelbar vorgeschalteten Komponente erhalten, und zwar unter Rückgriff auf die ihnen zugeordnete Wissensbasis (z.B. das Diskurs- und das Situationsmodell für den Konzeptualisierer). Strukturell bedeutet dies z.B., daß der Konzeptualisierer alle Informationen, die für die weitere Versprachlichung relevant sind, in der präverbalen konzeptuellen Struktur bereitstellen muß.
Die Prozesse im Konzeptualisierer teilt Levelt in zwei Stufen: Während der sogenannten "Makroplanung" wird das häufig komplexe Ziel in Unterziele und Unter-Unterziele zerlegt, bis diese eine Struktur haben, die durch jeweils einen Sprechakt ausgedrückt werden kann. Diese einzelnen Sprechakte werden im Rahmen der "Mikroplanung" inkrementell weiterverarbeitet, und zwar zu vorsprachlichen konzeptuellen Strukturen. Diese wiederum bilden die Ausgabeinkremente des Konzeptualisierers, die anschließend vom "Formulator" aufgegriffen werden.
Die diversen Prozesse der Mikroplanung sind bisher in unterschiedlichem Maße untersucht worden. Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf der Produktion von Objekt- und Konstellationsbeschreibungen (insbesondere räumlicher Aspekte von Konfigurationen); die Produktion von Ereignisbeschreibungen wird bisher erheblich weniger intensiv untersucht. Besondere Aufmerksamkeit wird demgegenüber in den letzten Jahren den Linearisierungsprozessen der Makroebene gewidmet: Wie werden mehr-dimensionale Sachverhaltsrepräsentationen in lineare sprachliche Strukturen überführt? Dieses zentrale Konzeptualisierungsproblem wird von Levelt (1989, 138) mit "... deciding what to say first, what to say next, and so on. ..." beschrieben. Es wird in der experimentellen Sprachproduktionsforschung insbesondere an der Aufgabe der sprachlichen Beschrei-bung räumlicher Konstellationen (Netzwerken) untersucht. Die Versuchspersonen müssen während der Verbalisierung entscheiden, welche von mehreren Verzweigungen der räumlichen Struktur sie zu welchem Zeitpunkt für die Verbalisierung auswählen.
Als grundlegendes Prinzip für die Linearisierung wird von Levelt das "Prinzip der natürlichen Anordnung" formuliert: "Arrange information for expression according to the natural ordering of its content." (Levelt, 1989:380). Diesem Prinzip folgend wird, wenn der zu verbalisierende Sachverhalt eine geeignete interne Struktur besitzt, diese im Normalfall auch herangezogen. Für die Beschreibung von Netzwerken konnte Levelt (1982; 1989:140-144) drei spezielle Prinzipien ableiten, denen die Versuchspersonen zu folgen scheinen, um die Verarbeitungs- und insbesondere die Gedächtnisbelastung bei sich, aber auch bei den Adressaten der Beschreibung, möglichst gering zu halten:
Principle of connectivity :
"Wherever possible, choose as the next node to be described one that has a direct connection to the current node." (Levelt, 1989:140)
Stack principle :
"Return to the last choice node in the waiting line." (Levelt, 1989:143)
Minimal-load principle :
"Order alternative continuations in such a way that the resulting memory load for return addresses is minimal." (Levelt, 1989:143)
Diese Prinzipien sind dem Anordnungsprinzip (Prinzip der natürlichen Anordnung) untergeordnet: Das grundlegende Ziel, in der zu beschreibenden Struktur eine lineare Anordnung aufzudecken und somit dem Anordnungsprinzip zu folgen, kann dadurch erreicht werden, daß mindestens eines der drei spezielleren Prinzipien angewendet wird.
Wenn die Linearisierung entsprechend zu der natürlichen Ordnung der Basisdomäne erfolgt, sollten vergleichbare Prinzipien auch für andere Domänen angenommen werden. Diese zu formulieren, ist eine der zentralen Aufgaben bei der Untersuchung von Konzeptualisierungsprozessen während der Sprachproduktion. Allerdings werden etwa von Levelt Ereignisse als unproblematische Standardfälle im Hinblick auf das Prinzip der natürlichen Anordnung angesehen: "What counts as natural ordering is different for different domains of discourse, and there is no general definition. Still, for certain important cases the notion is obvious. For event structures, the natural order is the chronological order of events." (Levelt, 1989:138). Es zeigt sich jedoch (Habel, 1996), daß Levelts Einschätzung hinsichtlich der "natürlichen Anordnung" von Ereignissen nicht geeignet ist, die Versprachlichungsprozesse bei der Verbalisierung komplexer Ereignisse in adäquater Weise zu beschreiben und zu erklären.
Levelts Annahmen sind demnach präzisierungsbedürftig. Dies wird deutlich, sobald man versucht, das Anordnungsprinzip in der direkten - von Levelt nahegelegten Weise - auf die Domäne der Ereignisse zu übertragen. Die Ursachen für die Schwierigkeiten, die bei der Anwendung der bisher für Konzeptualisierungsprozesse vorgeschlagenen Prinzipien auf den Fall der Produktion von Ereignisbeschreibungen auftreten, liegen vermutlich insbesondere in den dynamischen Aspekten von Ereignissen (im Gegensatz zu statischen Objekten und Konstellationen). So ist es auch nicht verwunderlich, daß die Produktion sprachlicher Beschreibungen "dynamischer Konstellationen" - und gerade darum geht es bei der Beschreibung von Ereignissen - in der Sprachproduktionsforschung (s.u.) bisher eher vernachlässigt wurde. Diese Forschungssituation ist der Grund dafür, daß wir uns entschlossen haben, in unserem Projekt eine systematische Untersuchung von Konzeptualisierungsprozessen in der Domäne der Ereignisse durchzuführen.

2. Zielsetzung des Projektes

Das globale Ziel des Projektes besteht darin, kognitiv-linguistische Grundlagen für eine computerlinguistische Modellierung derjenigen Komponenten des Sprachproduktionsprozesses zu entwickeln, die Sachverhaltsrepräsentationen in lineare propositionale Strukturen (semantische Repräsentationen) überführen. Dabei sollen Resultate der psycholinguistischen und kognitionspsychologischen Forschung zum Ablauf von Konzeptualisierungsprozessen mit theoretisch-linguistischen Überlegungen zu sprachlichen Strukturen einerseits und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen zur Verarbeitung von Wissen über Raum, Zeit und Ereignisse andererseits verbunden werden.
Die von uns geplanten Arbeiten sollen alle Stufen des Aufbaus einer semantischen Repräsentation umfassen, die als Eingabe für den grammatischen Enkodierer fungiert und zwar unabhängig davon, ob sie vorsprachlich oder sprachlich sind. Bei der Transformation von Sachverhaltsrepräsentationen in Bedeutungsrepräsentationen sind insbesondere die folgenden Aufgaben durch spezielle Konzeptualisierungsprozesse zu leisten:
1. Segmentierung der Sachverhaltsrepräsentation: die Auszeichnung der in der aktuellen Konzeptualisierung relevanten Entitäten (Objekte und Sachverhalte); insbesondere: zeitliche und räumliche Segmentierung,
2. Strukturierung der Sachverhaltsrepräsentation: der Aufbau von strukturierten Objekt- und Sachverhaltsrepräsentationen; insbesondere: Aufbau hierarchischer Strukturen,
3. Selektion der Objekte und Sachverhalte, die für die Versprachlichung ausgewählt werden,
4. Linearisierung der - für die Versprachlichung ausgewählten - Sachverhalte
5. Perspektivierung (u.a. Fokus-Hintergrund-Gliederung, Mikrolinearisierung)
Prozesse der Segmentierung und Strukturierung (speziell der Hierarchisierung) werden von uns als Prozesse angesehen, die auf unterschiedlichen Formaten realisierte Sachverhaltsrepräsentationen transformieren. Die hier angesprochenen Repräsentationen und Repräsentationsformate korrespondieren zu entsprechenden Formaten im Arbeitsgedächtnis (vgl. Gathercole & Baddeley, 1993). Für konzeptuelle Strukturen und semantische Repräsentationen gehen wir - wie Levelt (1989) - von einem propositionalen Repräsentationsformat aus.
Abb. 1: Konzeptualisierung: Repräsentationen und Prozesse
Von der Wahrnehmung eines Ereignisses bis zu seiner sprachlichen Beschreibung sind insbesondere die folgenden Schritte als zentral anzusehen, wobei die perzeptuelle Vorverarbeitung nicht der Konzeptualisierung zuzurechnen ist und somit nicht Untersuchungsgegenstand unseres Projektes ist.
0) Perzeptuelle Vorverarbeitung
1) Segmentierung der (Sub-)Ereignis-Repräsentationen im Hinblick auf den zeitlichen Verlauf sowie die beteiligten Objekte und betroffenen Raumregionen
2) Aufbau hierarchischer Strukturen der (Sub-)Ereignis-Repräsentationen, Aufbau weiterer struktureller Beziehungen wie Kausalbeziehungen und Intentionen (Berücksichtigung erst in späteren Projektphasen)
3) Selektion der für die Versprachlichung als relevant erachteten (Sub-) Ereignis-Repräsentationen
4) Die Linearisierung der ausgewählten (Sub-)Ereignis-Repräsentationen
5) Perspektivierung innerhalb der linearen Struktur der zu versprachlichenden (Sub-)Ereignis-Repräsentationen
Probleme für die lineare Anordnung von Ereignisrepräsentationen entstehen insbesondere dann, wenn die Korrespondenz zwischen den für die sprachliche Beschreibung relevanten Ereignissen und der linearen Struktur der Zeit eine (n:1)-Beziehung ist; mit anderen Worten, wenn - partiell - gleichzeitig stattfindende Ereignisse beschrieben werden sollen. Dies ist z.B. immer dann der Fall, wenn in einer Szene mehrere Personen agieren.
Die Notwendigkeit im Produktionsprozeß zu linearisieren, zwingt den Produzenten, gleichzeitig stattfindende Ereignisse nacheinander zu beschreiben oder zu einem Ereignis zusammenzufassen oder einige Ereignisse zu berücksichtigen und andere zu vernachlässigen, d.h. auszuwählen. Wenn etwa zwei Personen, A und B, zu etwa der gleichen Zeit die in Abbildung 2a veranschaulichten Bewegungen durchführen, so kann dies u.a. durch A geht nach rechts und B geht nach links   und A und B gehen aufeinander zu beschrieben werden.
Abb. 2: Quasi-simultane, nebenläufige Bewegungsereignisse
Die in Abbildung 2 dargestellten zeitlichen Beziehungen zwischen den Ereignissen können während des Versprachlichungsprozesses nicht in der kanonischen Weise durchlaufen werden, die durch die zeitliche Ordnung gegeben ist. Vielmehr müssen Entscheidungen getroffen werden, die der nicht linearen Ereignisstruktur eine zusätzliche lineare Anordnung aufprägen. Derartige Linearisierungsprobleme treten jedoch nicht nur bei Nebenläufigkeit von Ereignissen auf. Auch dann, wenn strikte Sequentialität eines Ereignisses vorzuliegen scheint, sind nichtlineare Strukturen, die durch Segmentierungs- und Strukturbildungsprozesse aufgebaut werden, die Basis für die Linearisierung.

3. Spezifische Ziele und Fragestellungen: Ereignisbeschreibungen

Die Produktion von natürlichsprachlichen Ereignisbeschreibungen ist im Hinblick auf die Untersuchung von Konzeptualisierungsprozessen, speziell der ihnen zugrundeliegenden Prinzipien (etwa dem Prinzip der natürlichen Anordnung), als "experimentelle Sonde" besonders geeignet. Durch ihre Erforschung kann ein entscheidender Beitrag geleistet werden zur Klärung sowohl der Interaktion der verschiedenen Subprozesse bei der Konzeptualisierung als auch des Zusammenspiels unterschiedlicher Repräsentationssysteme und -formate.
Während bei der Beschreibung von Objekten und Konstellationen die zu beschreibende Domäne als statisch angesehen werden kann, handelt es sich bei Ereignissen um dynamische raumzeitliche Entitäten, die keine physikalische Gestalt und auch keine Permanenz haben. Hierdurch sind sowohl aneinander angrenzende Ereignisse als auch Teilereignisse eines Gesamtereignisses perzeptuell und konzeptuell schwerer voneinander abgrenzbar als Objekte oder Teile konkreter Objekte. Aufgrund des engen konzeptuellen Zusammenhanges zwischen Ereignissen und Veränderungen, der durch "Veränderungen sind Ereignisse, Ereignisse sind Veränderungen" charakterisiert werden kann, gehen wir im weiteren davon aus, daß kognitive und sprachliche Prozesse bei der Beschreibung von Ereignissen ebenso von den zugrundeliegenden statischen Strukturen (der beteiligten Objekte) wie von den dynamischen Strukturen ( der Veränderung sowie u.a. der Kausalität) bestimmt werden.
Die Untersuchungen zu Linearisierungsprozessen bei der Beschreibung von räumlichen Konstellationen (Levelt, 1982; Robin & Denis, 1991; Habel, 1996) zeigen, wie die statisch räumliche Struktur für das Auffinden bzw. die Konstruktion einer linearen Anordnung, die dann bei der Versprachlichung zeitlich realisiert wird, genutzt werden kann. Ereignisstrukturen, bei denen in der Linearisierung nicht direkt, d.h. ohne Modifikationen, auf die "chronologische Ordnung" zurückgegriffen werden kann, sind in komplexeren Domänen die Regel und nicht die Ausnahme. Zu unterscheiden sind hierbei u.a. die "partielle Gleichzeitigkeit" zwischen Ereignissen und ihren Teilereignissen und die "echte Nebenläufigkeit" von Ereignissen. Für die Sprachproduktionsforschung gilt es, Faktoren zu bestimmen, die in diesen Fällen die Linearisierung leiten; dabei stellen Linearisierungskonflikte, die sich aus dem Aufeinandertreffen der Linearisierungsanforderungen des Sprachproduktionsprozesses mit den zeitlichen Strukturen der zu beschreibenden Ereignisse ergeben, ein spezielles Untersuchungsfeld dar. Insbesondere ist zu untersuchen, inwieweit Prinzipien, die für die Linearisierung von räumlichen Strukturen angenommen werden können - also etwa die von Levelt (1989) vorgeschlagenen Prinzipen der Konnektivität, des Stapelspeichers und der minimalen Gedächtnisbelastung - auch in anderen Domänen einsetzbar sind. Darüber hinaus ist zu untersuchen, inwiefern die Linearisierung und die Auswahl dessen, was sprachlich beschrieben wird, interagieren.
Als raumzeitliche Entitäten haben Ereignisse sowohl räumliche als auch zeitliche Merkmale. Mit zunehmendem Komplexitätsgrad addieren sich hierzu diverse sehr unterschiedliche Komponenten (beteiligte Aktanten, Art und Direktionalität von Bewegungen, durch ein Ereignis betroffene Entitäten, Resultate der Ereignisse etc.). Im Rahmen des beantragten Projektes soll die Versprachlichung von repräsentierten Ereignissen mit einem systematisch zunehmenden Komplexitätsgrad unter Anwendung kognitionswissenschaftlicher Methoden beschrieben werden, um damit einen interdisziplinären Ansatz zu dieser Fragestellung zu liefern.
Unter der spezifischen Fragestellung der Produktion von Ereignisbeschreibungen ergeben sich die folgenden Unterziele:
a) die Analyse von Segmentierungs- und Strukturbildungsprozessen, die zu der Konstitution von Ereignissen und Ereignishierarchien aus dem "Wahrnehmungsstrom" führen sowie die Erarbeitung von Prinzipien und Regeln, die diesen Prozessen zugrunde liegen,
b) die formale Beschreibung der Ereignishierarchien (Sachverhaltsrepräsentationen), die das Ergebnis der Strukturierungs- / Hierarchisierungsprozesse sind (Berücksichtigung von Ansätzen der algebraischen Semantik von Ereignissen in einer kognitionswissenschaftlichen, prozeduralen Weise),
c) die Untersuchung der Prozesse der Selektion aus und Linearisierung von komplexen Ereignisstrukturen (u.a. Interaktion mit Segmentierungs- und Hierarchisierungs-prozessen),
d) die Untersuchung von Korrespondenzen zwischen der Struktur von Ereignishierarchien und von Strukturen im Verblexikons sowie des Einflusses des Lexikons und der Grammatik auf die Perspektivierung und weitere Konzeptualisierungsprozesse.
Um in der ersten Projektphase eine systematische Untersuchung der verschiedenen Subtypen von Konzeptualisierungsprozessen vorzunehmen und eine Isolierung der Phänomene zu erreichen, haben wir eine Domäne ausgewählt, in der ausschließlich einer der beiden oben erläuterten Typen von Nichtlinearität auftritt, und zwar Ereignisse ohne echte Nebenläufigkeit. Als exemplarischer Fall für solche Ereignisse werden Prozesse der Skizzenentstehung untersucht (vgl. Habel, 1996).
Im Rahmen der Datenerhebung wird den Versuchspersonen die Entstehung einer Skizze visuell - auf einem Bildschirm - präsentiert; die Aufgabe der Versuchspersonen besteht darin, den Prozeß der Skizzenentstehung - nicht die Skizze - zu beschreiben. Als Stimulusmaterial werden Skizzen, die auf einem Graphiktablett erstellt wurden, verwendet. Daher ist nicht nur das Resultat der Skizzenerstellung, d.h. die Skizze, sondern insbesondere der genaue Zeitverlauf der Skizzenentstehung in einer Datei protokolliert und die Skizzenentstehung somit reproduzierbar. Die "Reproduktionen der Skizzenentstehung" werden als Stimulus für die Beschreibungsaufgabe verwendet: eine speziell hierzu entwickelte Wiedergabekomponente läßt - auf dem zu Beginn leeren - Bildschirm graphische Objekte auftauchen. Die Versuchspersonen sehen also die Entstehung einer Skizze, ohne den Produzenten der Skizze beobachten zu können. Da auf dem Bildschirm strikt sequentiell zusätzliche Pixel sichtbar werden, liegt eine Ereignisstruktur vor, in der die "am wenigsten komplexen Ereignisse" strikt linear der chronologischen Anordnung folgen.
Skizzenentstehungsereignisse haben den entscheidenden Vorteil, daß der Aufbau der Sachverhaltsrepräsentation zu der tatsächlich wahrgenommenen Ereignisfolge maximal ähnlich ist. Diese Annahme ist insofern gerechtfertigt, als die Ereignisfolge hier linear verläuft und sie als ein stetiges Ansammeln von Raumpixeln in einer Dimension charakterisiert werden kann. Auch wenn die Präsentation der Skizzenentstehung - aus einer objektiven Perspektive - als eine monotone, im wesentlichen gleichförmig andauernde "Vermehrung von Bildpunkten" angesehen werden kann, stellt sie sich für den Betrachter und Sprachproduzenten - subjektiv - als eine gegliederte Abfolge von Ereignissen dar. Aufgrund anderer Untersuchungen kann davon ausgegangen werden, daß die Fähigkeit den "Strom der wahrgenommenen Eindrücke" zu segmentieren, d.h. Segmentgrenzen zu postulieren, zentral dafür ist, gewisse Segmente als Ereignisse zu individuieren (vgl. "cut hypothesis" von Avrahami und Kareev, 1994).
In weiteren Projektphasen werden wir mittels geeigneter Domänenwahl andere Einflüsse bei der Überführung einer Sachverhaltsrepräsentation in ein propositionales Format analysieren. Die genaue Spezifizierung des Stimulusmaterials wird auf den Erfahrungen des ersten Arbeitspakets beruhen.

Literatur

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Wir freuen uns über Anmerkungen und Anregungen!
Letzte Änderung: 04.06.2001 18:14