Günther Schättiger
August 2007

Akkordarbeit

Teil 1

Jedes Lied kann mit Akkorden begleitet werden. Soviel ist bekannt. Aber welche Akkorde lassen sich für ein bestimmtes Lied verwenden? Was entscheidet über die Verwendung von Dur- und Mollakkorden? Wie wechsle ich in einem Lied in eine andere Tonart? Der folgende Artikel soll helfen, auf diese Fragen eine Antwort zu finden, indem er die Grundlagen der Harmonielehre erläutert.

Dur-/Moll-akkord

Wenn drei oder mehr Töne gleichzeitig erklingen, bezeichnen wir dies als einen Akkord. Diese besitzen ein festes Schema, nach dem sie aufgebaut sind. Über einen Grundton werden Terzen aus leitereigenen Tönen geschichtet. So entstehen die Intervalle Terz, Quinte, Septime, None usw. Die Terz bestimmt das Tongeschlecht: Dur oder Moll. Ist die erste Terz eine große, so haben wir einen Dur-Akkord. Ist es eine kleine Terz, so handelt es sich um einen Moll-Akkord. Die Quinte bildet den Rahmen und wirkt grundtonverstärkend.

Auf jedem Ton einer Tonleiter lassen sich Akkorde aufbauen. Werden nur leitereigene Töne verwendet, entstehen auf jeder Stufe der Tonleiter Akkorde unterschiedlichen Aufbaus. Bei einer Dur-Tonleiter sind es zumeist Dur- und Moll-Akkorde. In der Harmonielehre entspricht dies der Stufentheorie. Alle Akkorde auf den Stufen können für eine Liedbegleitung verwendet werden. Im folgenden Bild sehen wir die Akkorde, die sich auf den sieben Stufen (römische Ziffern) einer C-Dur-Tonleiter bilden lassen.

Leitereigene Dreiklänge

Auf der ersten Stufe steht im Beispiel hier C-Dur. Auf der zweiten ist es d-moll. Auf der dritten noch ein Moll-Akkord: e-moll. Auf der vierten und fünften stehen mit F-Fur und G-Dur wieder Dur-Akkorde. Auf Stufe sechs schließlich a-moll. Die siebte Stufe ist nicht eindeutig. Man könnte ihn als G7 ohne den Grundton G deuten oder als verminderten h-moll.

Diese Stufen sagen jedoch noch nichts über die Funktion eines Akkordes aus. Eine Aussage über diese Funktion machen die Bezeichnungen der Funktionstheorie. Der Akkord auf der ersten Stufe, dem Grundton der Leiter, wird Tonika (T) genannt. Auf der vierten Stufe steht die Subdominante (S), auf der fünften die Dominante (D). Mit diesen drei Akkorden (T, S, D) lassen sich bereits viele Lieder begleiten. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die Quinte der Subdominate der gleiche Ton ist wie der Grundton der Tonika, und der Grundton der Dominante entspricht der Quinte in der Tonika. Wir kommen also zu einem System von quintverwandten Dreiklängen: Der Grundton der Subdominante ist eine Quinte tiefer als die Tonika, der Grundton der Dominante ist eine Quinte höher als die Tonika.

Quintenzirkel

Wenn wir diese Tatsache einmal grafisch für alle Dur-Tonarten darstellen, kommen zu dem bekannten Quintenzirkel. Hier sind die Grundtöne der Tonleitern als Buchstaben aufgezeichnet. Es beginnt in der Mitte mit C-Dur. Im Uhrzeigersinn wird pro Schritt um eine Quinte erhöht, gegen den Uhrzeigersinn wird um eine Quinte erniedrigt. Auf jedem hier eingezeichneten Grundton lassen sich Dur-Tonleitern aufbauen. Durch die typischen Tonabstände dieser Leitern ergeben sich die eingezeichneten Vorzeichen. So hat z.B. die E-Dur-Tonleiter 4 Kreuze (d.h. vier Töne der Stammtonleiter werden erhöht), die Es-Dur-Tonleiter dagegen 3 B (drei Töne der Leiter sind vermindert).

Aus dem Quintenzirkel können wir unmittelbar ablesen, welche Dur-Akkorde zu einer gegebenen Grund-Tonart (der Tonika) als Dominante und Subdominante gehören.

Ein Beispiel: Ein Lied steht in der Grund-Tonart G-Dur. Wir suchen G im Quintenzirkel. Einen Schritt gegen den Uhrzeigersinn finden wir C-Dur. Das ist die Subdominante S. Einen Schritt in Uhrzeigerrichtung steht D-Dur. Das ist unsere Dominante D zu G-Dur (verwechseln Sie bitte nicht Akkordbezeichnungen wie F, C, G, D, A usw. mit den Funktionsbezeichnungen T, S und D).

Parallel- und Gegenklang

Außer diesen Quint-Verwandtschaften gibt es noch Terz-Verwandtschaften unter den Akkorden. Wenn wir die Terzen eines Akkordes umsetzen, d.h. die obere Terz zum Beispiel wegnehmen und unten am Akkord anfügen, erhalten wir neue Dreiklänge. Diese haben die Namen Parallelklang und Gegenklang.

Als Beispiel diene uns einmal der C-Dur-Akkord im Beispiel oben. Das ist unsere Tonika (im Bild in der Mitte). Wir nehmen nun die kleine Terz (das Intervall E-G) oben weg und setzen einen Ton im Abstand einer kleinen Terz unten an. Also den Ton A (im Bild links). Der neue Akkord ist a-moll. Dieser a-moll ist der Tonika-Parallelklang (Tp) zum C-Dur.

Ähnlich erzeugen wir einen zweiten Akkord. Diesmal nehmen wir einen Ton im Abstand einer großen Terz (Intervall C-E) fort und setzen gegenüber, also oben, eine große Terz dran. Wir erhalten einen e-moll-Akkord als sog. Tonika-Gegenklang (Tg).

Diese beiden neuen Akkorde lassen sich ebenfalls im Quintenzirkel darstellen. Wir erkennen dann auch sehr gut ihre Beziehung zu den anderen Akkorden. Es folgt eine neue Darstellung des Quintenzirkels, diesmal mit den parallelen Moll-Akkorden auf dem innersten Ring.

Quintenzirkel mit Paralleltonarten

Wir erkennen jetzt sehr gut, dass der Gegenklang zu C-Dur, nämlich der e-moll, zugleich der Parallelklang zu G-Dur ist. Dies läßt sich später sehr schön für Modulationen verwenden.

Bliebe nur noch anzumerken, dass der Parallelklang eines Dur-Akkordes immer ein Moll-Akkord ist, und der Parallelklang eines Moll-Akkordes ist immer ein Dur-Akkord. Entsprechendes gilt für die Gegenklänge.

Zur Begleitung eines beliebigen Liedes in einer Dur- oder Molltonart stehen uns somit sechs Akkorde im einfachsten Fall zur Verfügung: Die Tonika, Subdominante und Dominate sowie deren Parallelklänge.

Ich fasse zusammen: Auf jeder Stufe einer Tonleiter lassen sich Akkorde bilden. Besondere Bedeutung kommt den Akkorden auf den Stufen eins, vier und fünf zu. Sie sind Tonika T, Subdominante S und Dominante D in der Funktionstheorie. Diese drei sind untereinander quintverwandt. Die Quintverwandschaften aller Akkorde lassen sich grafisch im Quintenzirkel darstellen. Hier stehen T, S und D nebeneinander. Zu allen Akkorden lassen sich Parallel-Akkorde bilden. Die Parallele eines Dur-Akkordes ist ein Moll-Akkord, die Parallele eines Moll-Akkordes ist ein Dur-Akkord.

In der nächsten Folge werde ich mich näher mit Kadenzen beschäftigen. Sie sind die praktische Anwendung der Funktionen und bilden das harmonische Gerüst eines Liedes oder Pop-Songs.

zum 2. Teil